Margarete Böing

„Ich bin nicht zur Künstlerin, sondern zur Frau geboren“

(Margarete Hahn-Böing)

Die Schriftstellerin Margarete Hahn-Böing

Ein biographisches Nachwort von Gisela Marzin

Die Dinslakener Familie Böing

Aus welchem Grund Dr. med. Johann Wilhelm Böing (1777–1839) nach Dinslaken zog, ist unbekannt; sicher ist, dass er am 23. November 1814 in der reformierten Kirche in Dinslaken Luise Overhoff (1788–1830) heiratete. Beide stammen aus Hohenlimburg, Kreis Iserlohn. Zu jener Zeit war Dinslaken noch ein unbedeutendes Landstädtchen, dessen medizinische Versorgung äußerst schlecht war.
Johann Wilhelm Böing wurde Dinslakener Landphysikus, medizinischer Schriftsteller und zum Begründer der Ärzte-Dynastie Böing in Dinslaken.
Auf seinen älteren Bruder, Johann Conrad Böing (1771–1848), geht der heute in Seattle/Washington (USA) lebende Familienzweig zurück, der durch die Gründung der späteren Flugzeugwerke Boeing Airplane Comapany bekannt wurde.

Heinrich August Böing

Johann Wilhelm und Luise waren mit mehreren Kindern gesegnet. Von Interesse ist hier Heinrich August Böing, späterer „Doctor der Medizin“, der am 19. April 1815 in Dinslaken das Licht der Welt erblickte. Heinrich August heiratete 1841 Henriette Caroline Voss (1819–1864), die aus der Dinslakener Apothekerfamilie Grube-Voss stammt. Die Familie wohnte gegenüber der evangelischen Kirche im ehemaligen Voss’schen Apothekenhaus mit angrenzendem Arzneigarten. Von Heinrich August Böing sind einige Kompositionen und ein Liederbuch überliefert. Heinrich August Böing starb in Dinslaken am 9. Februar 1872.

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Die Brüder Heinrich Wilhelm und Wilhelm Böing

Aus der Ehe Böing/Voss gingen sieben Kinder hervor, geboren zwischen 1842 und 1859, die alle in Dinslaken aufwuchsen. Wichtig im Zusammenhang mit dem Roman „Kämpfer“ sind Heinrich Wilhelm (der Vater Margarete Böings) und Wilhelm (im Roman Doktor ter Ponten) sowie deren Schwestern Anna, Johanna Auguste (im Roman Tante Hanna), Johanna Emilie und Henriette.

Heinrich Wilhelm Böing

Heinrich Wilhelm und Wilhelm traten in die Fußstapfen ihres Vaters und wurden ebenfalls Mediziner: der ältere, Heinrich Wilhelm, in Uerdingen (später Berlin), der jüngere, Wilhelm, in Dinslaken.
Heinrich (6. 7. 1842–27. 2. 1927) heiratete Hermine Krick (13. 5. 1841–8. 3. 1918) aus dem sächsischen Gommern. Aus dieser Ehe stammt Margarete, 1877 geboren, die Schriftstellerin, die ihre Jugend im Uerdinger Elternhaus Am Rheintor 4 verlebte, ihre Ferien aber zumeist in Dinslaken bei ihrem Onkel Wilhelm Böing verbrachte. Später zieht die Familie nach Seehof südlich von Berlin, wo ihr Vater Heinrich ein eigenes Sanatorium eröffnet.

Wilhelm Böing (1844-1898), der jüngere Bruder, erhielt das Voss’sche Haus, sein Elternhaus auf der Duisburger Straße, 1883 offiziell bezeichnet als Sektion I (engerer Stadtbezirk), Haus Nummer 121. Wilhelm blieb unverheiratet und versorgte die drei ledig gebliebenen Schwestern Anna, Johanna Auguste (im Roman Tante Hanna) und Johanna Emilie. Wilhelm Böing, im Roman der Arzt ter Ponten, war Knappschafts- und Armenarzt sowie einer von insgesamt drei Ärzten in der Bürgermeisterei Dinslaken.

Wilhelm Böing

Neben seinem Beruf betrieb er naturwissenschaftliche und medizinische Studien, die in seinem Nachlass in einer Vielzahl von handschriftlichen Notizen ihren Niederschlag fanden. Auf der Rückseite von visitenkartengroßen Zetteln von Dr. jur. Fritz Hammacher, Berlin, finden sich Notizen zu Astronomie, Meteorologie, Chemie, Bakteriologie, oder auch Kinesiologie. Auch Notizen zu politischen Reden sowie launige Reden, zum Beispiel zu Bismarcks Geburtstag, Gedichte und Briefe sind von ihm überliefert.

Doch nicht nur als Arzt diente Wilhelm Böing seiner Stadt. 1880 wurde er Stadtverordneter, 1884 stieg er auf zum 1. Beigeordneten der Stadt- und Landbürgermeisterei Dinslaken. Unparteiisch, fortschrittlich gesonnen, ein feinsinniger und lauterer Charakter, hat er sich „vollstes Vertrauen und allgemeine Liebe und Achtung erworben“, wie es in seinem Nachruf heißt. Er stellte sein Leben in den Dienst seiner unversorgten Geschwister, seiner Kranken und der Wissenschaft und war – so beschreibt ihn Margarete Böing – ein König über die Herzen aller, die ihm nahe traten. Er sei ein „Musiker von Gottes Gnaden“ gewesen und ebenjener Mensch, der in ihr den leidenschaftlichen Wunsch nach gutem Klavierunterricht geweckt habe. In einem Brief an ihre Tochter schreibt Margarete, dass „die Schilderung ter Pontens, seiner Studien und Begabungen, des Hauses und des Gartens absolut den Tatsachen entsprachen.“

Wilhelm Böing starb an einer Blasenerkrankung im Alter von 53 Jahren am 13. Januar 1898. Aus seinem Testament geht hervor, dass sein Besitz, Haus und Garten auf der Duisburger Str. 24, Grundstücke im Kuhbruch (Ackerland), im Dinslakener Bruch (Ackerland) und Auf dem Wall (Gartenstück) auf 35–40 000 Mark festgesetzt wurde. Haus und Garten sowie die ärztliche Praxis erbte Heinrich, ebenso die Hypothek von 9000 Mark, mit der Verpflichtung, daraus seiner ältesten Schwester Anna eine lebenslängliche Rente von monatlich 800 Mark zu zahlen. Den Rest erbte Henriette Brebeck, seine verheiratete Schwester in Bonn – ohne Schulden, jedoch auch sie mit der Auflage, 400 Mark jährlich an Anna zu zahlen.

Dr. Diederich Hahn

Der aus dem hannöverschen Osten an der Oste (Niederelbe) stammende Diederich Hahn (12. 10. 1859–24. 2. 1918) studierte in Leipzig und Berlin Philosophie, Geschichte, Jura und Volkswirtschaft und schloss 1884 mit der Promotion ab. Hahn, der bereits als Student durch politische Agitation und Reden auf sich aufmerksam machte, vertrat eine agrar-konservative und nationalistische Haltung. 1891 leitete er die Wahl Bismarcks zum Deutschen Reichstag. Von 1886 bis 1893 war er als Archivar der Deutschen Bank tätig und bewarb sich 1893 auf Wunsch Bismarcks für einen Sitz im Landtag und im Reichstag. „Als Vorkämpfer für die Kandidatur des Reichstagsabgeordneten Bismarck eroberte Diederich Hahn dem gestürzten Kanzler seinen heimatlichen 19. hannoverschen Wahlkreis.“ 1894 war er Mitbegründer und treibende Kraft im Bund der Landwirte (der damals den Charakter einer politischen Partei hatte) und wurde 1897 dessen Vorstandsmitglied und Direktor.

Dr. Diederich Hahn

Diederich Hahn bekannte sich offen zum Antisemitismus, der, von dem Hofprediger Adolf Stoecker geschürt, durchaus im Trend der damaligen Zeit lag und spätestens seit Richard Wagner gesellschaftsfähig wurde. Antisemitismus war zu dieser Zeit noch keine Volksseuche und die „Judenfrage“, wie Wibke Bruns schreibt, erst eines von vielen Politikthemen. Die Grundzüge von Hahns Politik kann man im übrigen dem Buch „Dein Vater“ von Margarete Hahn entnehmen.
Nach der Beschreibung seiner Frau war Diederich Hahn ein charismatischer Mensch mit großer rhetorischer Begabung und strengen Prinzipien. Er konnte schon als junger Mann die Massen mitreißen. Margarete Hahn beschreibt ihn als „leidenschaftlichen und gefürchteten Kämpfer, der die Waffe des Spotts im Parlament und in Versammlungen meisterhaft zu führen verstand, andererseits als Idealist, dessen Glaubenskraft gleichsam Berge versetzte und der dadurch eine Sympathie auslöste, die ihm auch bei seinen ärgsten Gegnern Anerkennung und Hochachtung sicherte.“

Plan des Gutshofes Haneworth

Die ersten Jahre verbrachte Hahn mit seiner Familie zunächst in Berlin, bis es ihn aus Liebe zur Heimat wieder aufs Land an die Niederelbe zog, wo er von 1913 an in Stade lebte. Er gründete eine Kultivierungsgenossenschaft, die – ermöglicht durch die Erfindung von Kunstdünger – das Ziel hatte, Heide und Moorflächen urbar zu machen, um damit unter anderem die Volksernährung im Krieg sicher zustellen. Einen großen Teil der Ländereien (insgesamt eine Fläche von 1600 Morgen) hatte Hahn im Laufe der Jahre persönlich erworben, um darauf das Gut Haneworth (Gemeinde Lamstedt) zu begründen.

Richtfest am 2. Juli 1914

Das stattliche und architektonisch bemerkenswerte, von Diederichs jüngstem Bruder Carl Hahn im sogenannten Heimatstil (niedersächsisches Fachwerkbauernhaus) erbaute Haupthaus verfügt über eine Wohnfläche von fast 600 qm, den Park hatte der berühmte Harburger Königliche Gartenbaudirektor Georg Hölscher angelegt. Heute stehen Herrenhaus, Park und Allee unter Denkmalschutz.
Diederich Hahn starb am 24. Februar 1918 nach kurzer Krankheit, wohl an einem Bronchialkarzinom.

Margarete Hahn-Böing

Margarete Böing wurde am 17. Januar 1877 in Uerdingen bei Krefeld als Tochter von Heinrich und Hermine Böing geboren. Früh schon zeigte sich ihre musische Begabung, die bald gefördert wurde, zunächst durch Musikunterricht von einem Volksschullehrer in Uerdingen, dann in einem Düsseldorfer Pensionat in der Goltsteinstraße. Als sie fünfzehn Jahre alt war, überredete sie ihre Familie, sie allein nach Berlin zum Musikstudium ziehen zu lassen. Dort wurde sie Schülerin des berühmten Pianisten Karl Klindworth.
Wie sie ihren Tagebüchern mitteilt, macht Margarete in Berlin erste, wenn auch unglückliche Liebeserfahrungen. Trotz anhaltendem Liebeskummer bereitet sie sich auf Konzerte vor. Unter dem Dirigat von Karl Klindworth spielt sie zusammen mit dem Berliner Philharmonischen Orchester in einem ersten öffentlichen Auftritt das Triple-Konzert von Bach – für sie selbst einer der Höhepunkte ihres künstlerischen Erlebens.
Zwei weitere Konzerte folgten am 9. und 11. Januar 1897 in Krefeld, für die sie in der Presse aufgrund ihres warmen und beherzten Vortrags gelobt wurde. Bereits drei Jahre zuvor hatte sie als Siebzehnjährige in Dinslaken ein Konzert gegeben.

Margarete Böing als 17-Jährige

Bald nach den ersten Erfolgen siedelten die Eltern nach Seehof bei Berlin um. Von nun an war es mit Margaretes Freiheit vorbei. Es begann ein reges gesellschaftliches Leben im Elternhaus, in das auch Diederich Hahn eingeführt wurde.
Unverdrossen, wenn auch zunächst heimlich, verfolgte Margarete weiter ihre Pläne. Im Alter von neunzehn Jahren sollte sie mit Unterstützung von Karl Klindworth ein Konzert vor der Queen in Windsor geben. Parallel dazu bewarb sie sich auf Empfehlung Karl Klindworth um eine Anstellung als Lehrerin  am Konservatorium in Kapstadt, natürlich ohne ihre Eltern allzu früh mit ihren Planungen zu beunruhigen.
Doch es sollte anders kommen. Hahn ist bereits eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, als er die jugendliche Margarete im Elternhaus kennen lernt. Vorsichtig nähert sich der knapp siebzehn Jahre ältere, charismatische Mann der aufstrebenden Künstlerin und macht ihr klar, dass sie „nicht zur Künstlerin, sondern zur Frau geboren ist“ und „lenkt ihr Leben in eine neue Bahn.“
Ohne sich zu besinnen und ohne zu zögern, entschließt sich Margarete zur Ehe. Damit beginnt für sie ein neues Leben, die sich abzeichnende Karriere als Pianistin ist beendet.
Die Verlobungszeit dauerte neunzig Tage, zahlreiche verliebte Briefe gehen zwischen dem jungen Paar hin und her. Man unternahm eine Verlobungsreise zu den Verwandten an den Rhein, an die Niederelbe und nach Hamburg, wo der Reichstagsabgeordnete mit einem rauschenden Fest begrüßt wurde.

Hochzeitsbild von Margarete und Diederich Hahn

Am 7. August 1897 heirateten Margarete Böing und Dr. Diederich Hahn. Im Ehealltag muss die junge, spontane und begeisterungsfähige Frau Selbstbeherrschung und Überwindung lernen, aber sie war bereit zur Hingabe und Selbstaufopferung. Gern hat sie alles Persönliche seinen Wünschen untergeordnet.
Margarete bringt drei Söhne zur Welt: Diederich, Jürgen und Christian-Diederich. Mit etwas Abstand folgen zwei Töchter: Margarethe20 und 1917, vier Monate vor dem Tod ihres Mannes, die jüngste Tochter, Aletta.
Margarete Hahn kam von Anfang an mit bedeutenden Persönlichkeiten jener Zeit in Kontakt. In der Familie verkehrten neben vielen anderen so unterschiedliche Menschen  und politische Charaktere wie die Familie von Bülow, der Afrikapionier Dr. Carl Peters, der nationalliberale Friedrich Naumann, der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann, der Reichstagsabgeordnete Felix Schwabach aus dem Hause S. Bleichröder, ein Exponent des Berliner jüdischen Bankwesens, der Wirtschaftswissenschaftler Gustav Schmoller sowie der junge Max Weber.

Margarete mit ihrer Lieblingstochter Margarethe

Ihr völliges Eingehen auf ihren Mann zeigt sich auch, als es darum geht, den Wohnort in die Heimat ihres Mannes zu verlegen. Obwohl sie als Rheinländerin große Probleme mit der Heidelandschaft und dem verschlossenen Menschenschlag dort hat, stimmt sie dem Plan zu, das Gut Haneworth als neue Heimstätte für die Familie aus dem Nichts heraus zu errichten. Diederich Hahn hatte bereits über Jahre hinweg Grundstücke in der Lamstedter Moor- und Heidelandschaft erworben, und gemeinsam gehen sie schließlich den Plan an, ein großes landwirtschaftliches Gut dort aufzubauen. Während dieser Zeit wohnt die Familie in der Thunerstraße 2 in Stade.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet sich Diederich Hahn freiwillig als Offizier des 3. Garderegiments zu Fuß. Wie viele glaubte auch er damals an einen raschen, höchstens bis Jahresende dauernden Krieg. Zunächst war er in den Ardennen, 1915 an der Heimatfront in Hannover eingesetzt.
Auch in dieser Zeit gab es regen Kontakt zwischen Diederich und Margarete. Nahezu täglich gingen Briefe hin und her. Noch im Feld muss er die Angelegenheiten für den Bund der Landwirte regeln. Margarete berichtet von den Kindern, mit denen sie lateinische und griechische Vokabeln übt, von der Arbeit im Haushalt, den Planungen für Haneworth, den enormen Schwierigkeiten auf der Baustelle und von den extremen Kosten für Tiere und Materialien. Kaum etwas, das sie unerwähnt lässt – außer ihr Buch, den Roman „Kämpfer“, was umso mehr erstaunt, als er in dieser Zeit, 1915, erscheint. Im Übrigen erschöpft sich ihre Kraft voll im Aufbau und Unterhalt des Gutes; sie besorgt Saatgut, Pflanzen und Kartoffeln, kümmert sich um Pferde und Ochsen und vor allem um Lösungen für die finanziell stets prekäre Situation des Gutes. Etwas leichter wird es für sie, als auf ihre Initiative hin in der Nähe ein Kriegsgefangenenlager errichtet und mit flämischen Kriegsgefangenen belegt wird. Diese Männer – viele von ihnen Künstler und Akademiker – werden ihr bei der Urbarmachung des Landes und beim Bau des Hauses eine wichtige Stütze.21
Ende 1917 verändert sich der Gesundheitszustand ihres Mannes rapide; er stirbt überraschend im Februar des neuen Jahres. Im März stirbt ihre Mutter.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes im Februar 1918 wohnt Margarete noch eine Zeitlang mit ihren fünf Kindern unter schwierigsten Umständen auf Gut Haneworth. Sie versucht das Gut zu bewirtschaften, aber in der Nachkriegszeit und während der revolutionären Unruhen zerrinnt ihr das ganze Hab und Gut unter den Händen. Im Oktober 1918 meutern die Matrosen in Kiel und bald darauf tauchen sie auch auf Haneworth auf, nisten sich ein und räubern, was nicht niet- und nagelfest ist.
Da die Dienstbezüge ihres Mannes entfallen sind, ist der Gutsbetrieb nicht mehr zu halten. Im Jahr 1919 muss Margarete Hahn das Gut Haneworth verkaufen; damit hat sie das gesamte Vermögen der Familie verloren. Die Inflation nimmt ihr die letzten Reserven, und so bemüht sie sich in Berlin um eine Bürotätigkeit. Dort lebt sie in möblierten Zimmern und lernt erstmals bitterste Armut, Not und Hunger kennen.
Die Söhne sind zu diesem Zeitpunkt aus dem Haus. Die ältere, von ihr besonders geliebte Tochter Margarethe kommt auf eine Freistelle in der Kaiserin-Augusta-Stiftung in Potsdam, was zur Folge hat, dass Mutter und Tochter sich nur noch einmal im Monat sehen. Die Jüngste, Aletta, wächst beim Großvater Böing in Warstade auf, einem Dörfchen in der Nähe von Haneworth, wohin der alte Dr. Böing gezogen war, um seiner Lieblingstochter Margarete nahe zu sein.
Um sich und die fünf Kindern ernähren zu können, nimmt Margarete Hahn verschiedene Stellen an. Die Arbeit wird schlecht bezahlt, und so fehlt es vielfach am Nötigsten zum Überleben. Erst in den 30er Jahren bessert sich allmählich ihre Situation.

Das Grab von Diederich und Margarete Hahn in Warstade

Kampf, kämpfen und Kämpfer – diese Begriffe durchziehen wie ein roter Faden ihr Leben. In diesen Kampf wurde sie, die aus behüteten Verhältnissen kam, vor allem durch die Ehe mit ihrem Mann gestellt. Diederich Hahn war, wie damals kaum ein anderer, ein kompromissloser und unbeugsamer Kämpfer für seine national- und agrarkonservativen Überzeugungen. So unbestechlich er auch darin war, so unbequem war er damit für seine Umgebung. Für die in vieler Hinsicht zunächst freier denkende und fühlende Frau vom Niederrhein war dies zu Beginn ihrer Ehe sicherlich mit vielen Schwierigkeiten verbunden und möglicherweise auch ein Grund für die zahlreichen Krankheiten, die sie immer wieder heimsuchten. So klingt es fast ein wenig bitter, wenn sie 1936 in ihrem schriftlichen Vermächtnis an ihre Tochter Margarethe schreibt: „Es war ein Leben des Kampfes.“
Am1. Juli 1956 stirbt Margarete Hahn in der Universitätsklinik Eppendorf.

Die Schriftstellerin Margarete Hahn-Böing

Dieses Motiv des Kampfes und Kämpfens durchzieht nicht nur ihr Leben, sondern auch viele ihrer Bücher. So gab sie bereits ihrem zweiten Buch, ihrem 1915 erschienenen ersten großen Roman, den Titel „Kämpfer“, den sie noch unter ihrem Mädchennamen veröffentlichte. Zahlreiche weitere Bücher folgten, die sie danach sowohl unter ihrem Ehenamen als auch unter dem Pseudonym Hahn von der Oste veröffentlichte.
Als Erstes erschien 1913 bei den Gebrüdern Patel in Berlin „Lotte von Brobergen. Die Geschichte einer Liebe in Briefen aus der Werther-Zeit“. Die originalen Briefvorlagen dazu fand sie im reichen Archiv der Familie.
In ihrem zweiten Buch wendet sie sich ihren Erinnerungen an ihre Kindheit in Dinslaken zu. Was bewegt eine viel beschäftigte Mutter von drei Söhnen, einen Roman zu schreiben? Vor dem Hintergrund ihres Lebenslaufes scheint es ein wenig so, als habe Margarete Böing mit dem Roman „Kämpfer“ den Versuch unternommen, sich von ihrer niederrheinischen Heimat zu lösen. Denn noch einmal wird wie zum wehmütigen Abschied die heitere Idylle ihrer Kindheit bei ihrem Onkel Wilhelm Böing beschworen, die Gemüthaftigkeit und Lebensfreude der niederrheinischen Menschen, denen sie soviel Lebenskraft und Lebensmut verdankt. Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, dass sie den „Kämpfer“ in jener Zeit geschrieben hat, als sie mit sich selbst um die Entscheidung für oder gegen Haneworth kämpfte.
Aus einer Korrespondenz aus dem Jahr 1914 geht hervor, dass dieser Roman nicht für sich allein stehen sollte, sondern dass Margarete Böing eine Reihe von Kulturromanen geplant hatte, die sie zusammen mit ihrem Mann schreiben wollte: Kämpfer, Streber, Moneymaker, und einen weiteren Roman in zwei Teilen – Aufstieg und Untergang. Nach ihrem Konzept sollte es um folgende Thematiken gehen:
In „Kämpfer“ um das Kämpfen und Ringen hoch stehender Menschen: zunächst um Kämpfe der Liebe, in zweiter Linie um das Ringen und Kämpfen eines geistig überaus hoch stehenden Mannes; darüber hinaus um den Kampf der alten und reichen bürgerlichen Kultur am Niederrhein, die sich gegen die andringenden materiellen und kapitalistischen Mächte der modernen Großindustrie zu wehren hat. – Der Roman erschien zunächst in der Unterhaltungsbeilage der „Täglichen Rundschau“ Berlin in der Zeit vom 29. 1. 1914 bis zum 10. 3. 1914 als Fortsetzungsroman. Übrigens empfahl ihr die Redaktion im Oktober 1913, den Namen „Neuhoff“ für den Unterstaatssekretär (gemeint war Althoff) zu ändern, da er „gar zu durchsichtig“ sei.
In den geplanten weiteren Romanen, zu denen es wohl nie gekommen ist, sollte es im zweiten Band um „Streberei“ gehen – das heißt um die Fragwürdigkeit des Strebens nach lediglich äußeren Erfolgen, während der dritte Band den Titel „Moneymaker“ tragen sollte – das heißt „Streberei auf das kaufmännische und industrielle, aber auch das finanzielle Gebiet.“ (Zitat) Für den vierten Band ist in Margaretes Nachlass keine Thematik zu finden.
Margarete Böing bot den Roman „Kämpfer“ zahlreichen Verlagen an, ehe schließlich ein Vertrag mit Carl Reisser aus Dresden abgeschlossen wurde. Am 24. 5. 1914 überträgt „Frau Dr. Diederich Hahn… als Verfasserin die Verlagsrecht an …“. Reisser empfiehlt eine Auflage von 1500 und einen anderen Titel, Kämpfer sei zu allgemein.
Doch auch nach Vertragsabschluss steht das Unternehmen unter keinem glücklichen Stern, denn der Verleger sieht jeden Tag der Einberufung „zu den Fahnen“ entgegen. Überdies sind bis Oktober 1919 erst 819 Exemplare verkauft. Reisser hatte auf Margaretes großen Bekanntenkreis gehofft, was sich in seinen Augen jedoch nicht erfüllt hatte, und regt an, dies noch nachträglich in die Wege zu leiten.

Der Roman „Kämpfer“ und die darin handelnden
Dinslakener Persönlichkeiten und Orte

Schauplatz des Romans ist das alte Dinslaken um 1910. Margarete Böing schildert darin das Leben und die Menschen in der damaligen Kleinstadt. Drei Elemente sind ihr besonders wichtig: „die Industriellen, die Grundstücksspekulanten, die Viehhändler“.
Zwei Persönlichkeiten fallen besonders auf: Zum einen der Unterstaatssekretär Exzellenz Bredenkamp (mit ihm schildert sie Friedrich Althoff, 1839–1908, preußischer Politiker im Kultusministerium) und der Arzt Dr. ter Ponten (er ist der Dinslakener Arzt Dr. Wilhelm Böing). Den Arzt schildert sie sehr realistisch als Armenarzt, Philosophen sowie als forschenden Astronomen und Lokalhistoriker und, alles in allem, als einen unermüdlich schaffenden Menschen.
Dagegen trägt Bredenkamp, zumindest was seine Liebe zu Dinslaken und seine familiären Verhältnisse (Althoff hatte keine Kinder) betrifft, stark romanhafte Züge.
Aber auch andere Dinslakener Personen aus der Zeit um die Jahrhundertwende werden liebevoll dargestellt, ob dies der Korbmacher, der Weber, der Apotheker oder der evangelische und der katholische Pastor sind: Sie alle tragen Züge Dinslakener Persönlichkeiten. Besonders interessant ist der poetisch inspirierte Amtsrichter Möllmann, anscheinend eine literarische Vermischung aus dem blinden Dinslakener Dichter Constantin Möllmann (1784–1864) mit dem lokalhistorisch forschenden Amtsrichter Th. Schneemann. Die Familie Möllmann war zeitweilig im Besitz des Ritterguts Bärenkamp und mit der Familie Böing verwandt.
Eine bedeutende Rolle spielt in dem Roman das dort so genannte Haus Löwenkamp, in Wirklichkeit der heute zerstörte alte Adelssitz Haus Bärenkamp, wenn auch leicht verfälscht; denn im Roman wird er zum Sitz des neuen Landratsamtes, während es in Wirklichkeit das ehemalige Dinslakener Kastell war, auf dem wiederum im Roman die Familie Bredenkamp, alias Althoff, ihre Sommer verbringt und das 1909 abbrennt.
Ob die Kinder über den Rotbach springen und dabei hineinfallen, ob die Junggesellenschützenkompanie „in froher Erregung“ ihr Schützenfest feiert, oder ob es um Broockmann, alias Thyssen, und die Veränderungen im Zusammenhang mit dem Walzwerk geht – immer wird das „heimelige Städtchen am Rhein“ unermüdlich in bunten Farben und mit viel Ortskenntnis und Einfühlungsvermögen geschildert. Auch wenn einiges, wie in ihren anderen Romanen auch, dichterischer Freiheit zuzuschreiben ist, besonders wenn sie Zeiten und Personen ineinander schiebt, so setzt sie dennoch manchen heute untergegangenen Orten und vergessenen Personen ein schönes und lebendiges Denkmal.
Natürlich spielen auch Liebe und Leidenschaft eine große Rolle. Immer wieder klingt die Liebe der beiden Freunde ter Ponten und Bredenkamp zu derselben Frau an: Lydia van Eyb alias Julia von Buggenhagen, die aus der adeligen Familie Buggenhagen auf Haus Bärenkamp stammt. Im Roman stirbt sie jung und wird im gotischen Kirchlein begraben; das Gebäude ist das Mausoleum, das einst auf dem Gelände von Gut Bärenkamp stand. Die den Roman eigentlich beherrschende Liebesgeschichte ist allerdings die zwischen Renate Bredenkamp und Privatdozent August van Agg. Dieser van Agg, außerordentlich begabt und gebildet sowie hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zur Renate Bredenkamp und seinen politischen Ambitionen als agrarkonservativer Politiker, trägt deutlich Züge des Ehemanns von Margarete Böing, Dr. Diederich Hahn. In beiden Personen trifft die viel beschworene rheinische Fröhlichkeit auf die kühle Distanziertheit der Friesen.
Wie sehr aus der Wirklichkeit gegriffen die Motive sind, zeigt auch die Geschichte mit der unerwarteten Verlobung des Herrn von Agg, die Ursache zu dem zeitweiligen Zerwürfnis zwischen den beiden war. Auch dafür gab Diederich Hahn die Vorlage: Dieser, vermutlich entrüstet über einen unfreiwilligen Streich der damals siebzehnjährigen Margarete, die in völliger Ahnungslosigkeit ihr Waschwasser just dem unter ihrem Fenster vorübergehenden Dr. Hahn über das Haupt goss und sich wohl sogar noch darüber amüsiert hatte, verlobte sich daraufhin mit der Schwester seines Regimentskameraden von Bülow. Wie im Roman, so verstarb auch sie, als sie während einer Schlittschuhpartie, vermutlich auf dem Wannsee, in das Eis einbrach und ertrank.
Der Korbmacher ter Sluysen wiederum erinnert an die Familie Terbrüggen, ursprünglich ebenfalls Korbmacher, später dann Inhaber einer Buchhandlung, Zeitungsverleger und Journalisten. Und bei dem im Roman erwähnten Bahnhofshotel F. W. Ahlfers handelt es sich um die Gaststätte Zum Bahnhof W. Ahls.

Sechsundzwanzig Rezensionen des Romans, zum Teil aus den literarischen Beilagen von überregionalen Zeitungen, befinden sich im Depositum der Familie im Staatsarchiv Stade. In der „Literarischen Rundschau“, einer leider undatierten Beilage zur „Deutschen Tageszeitung“, schreibt Hans Franck über den „Kämpfer“: „Kämpfer sind sie alle, die durch dieses Buch gehen, Kämpfer mit dem Leben, Kämpfer um seine Gestaltung. … Mit wohltuender Sachlichkeit, mit unaffektierter Schlichtheit hat Margarete Böing die Kämpfe ihrer Hauptgestalten und ihrer Umwelt erzählt. Dringt das Buch auch nicht in Tiefen, es ist frei von den üblichen Romanärgerlichkeiten, ist echt und tüchtig, gehaltvoll und flüssig.“ In dem in Bern erscheinenden Der Bund schreibt Eugen Berner am 3. September 1917: : „… insofern pikant, als er von der pseudonymen Gattin eines sehr bekannten deutschen Parlamentariers geschrieben, hervorgezogene Männer des deutschen öffentlichen Lebens hineinflicht. … Sie schrieb hauptsächlich ein Frauenbuch, ein feines und sinniges, aber gar nicht schwächlich sentimentales.“ Im Mai 1920 schließlich schreibt die „Deutsche Tageszeitung“ in ihrer Bücherschau: „In politisch zerfahrener Zeit kommt dieses Buch einer deutsch empfindenden Frau, die aus ihres Herzens Meinung keinen Hehl macht, wie ein tapferer Streiter für nationale Würde. Echt und recht Diederich Hahns hochgemutes Weib! Die Handlung spielt vor dem Krieg, in jener Zeit, an die wir heute mit Wehmut als an ein verlorenes Paradies zurückdenken. … Mit gleicher Anschaulichkeit erstehen die Bilder damaligen Berliner Lebens wie die tief empfundenen Schilderungen rheinischer Landschaft. … Mensch sein heißt hier Kämpfer sein. … es vermittelt Werte, die der Tag nicht verweht.“

Aus den 50er Jahren gibt es eine Korrespondenz zwischen Margarete Hahn und dem Heimatverein Dinslaken. Ihr ist zu entnehmen, dass durch Hein Terbrüggen eine Einladung an sie nach Dinslaken erfolgte, die sich jedoch nicht realisiert zu haben scheint. Allerdings schrieb Margarete Hahn noch einmal einen kleinen Aufsatz mit ihren Erinnerungen an die Ferienzeit in Dinslaken. Bereits zu diesem Zeitpunkt denkt der Heimatverein über eine Neuauflage des Buches nach.
Als Margarete Hahn nach Jahren des Leidens und der Not 1930 wieder schriftstellerisch tätig wird, hat sie sich einen Künstlernamen zugelegt: Margarete von der Oste. Der Name soll an den Geburtsort ihres Mannes erinnern. Der Titel des neuen Romans lautet: „Der Weg der Gabriele zur Nidden“. Erscheinungsort ist wiederum Berlin.
Die weiteren Bücher erscheinen unter dem Namen von der Oste.
In den 30er Jahren folgen die Romane „Du meine Springreiterin“ (1930), „Man geht so oft am Glück vorbei“ (1935), „Es geht um Birkenworth“ (1936), „Dein Vater. Briefe an meine Tochter“ (1936), „Die vier vom Wolkenkuckucksheim“ (1937).
Vierzehn Romane von ihr sind bekannt, erschienen sind sie in den Jahren von 1913 bis 1952. Einigen merkt man noch sehr die extrem nationalkonservative Haltung ihres Mannes an; dennoch erlebten einige davon hohe Auflagen in den 50er Jahren, als Jugendbücher knapp waren, besonders „Ursula Theen, eine Erzählung vom Niederrhein“, zuerst erschienen 1940.
Die Romane „Ursula Theen“ (Neuauflagen 1941, 1948, 1952; 1970 wieder erschienen; Auflage von über 100 000) und „Liebe kleine Ursula“ (1952) spielen in ihrem Geburtsort Uerdingen, das sie in „Bohingen“ umbenannte. Man erkennt unschwer Ereignisse, Gebäude und Persönlichkeiten der Kleinstadt Uerdingen.
Noch im Jahr 1955 übersetzte Margarete unter dem Namen Hahn von der Oste „The Madman“ von Khalil Gibran und arabische Fabeln für deutsche Zeitungen.
Eine besondere Bedeutung kommt dem Buch „Dein Vater. Briefe an meine Tochter“ zu. Es gibt verschiedenen Vorstufen, so taucht der Titel auf: „Deine Eltern. Briefe an eine Tochter. Mein Leben im Schatten der großen Politik“ mit dem handschriftlichen Zusatz: Von Bismarck bis zu Stalins Ende. Sie schildert in diesem Buch sehr eindrucksvoll ihren eigenen Werdegang an der Seite des Politikers sowie den Menschen Diederich Hahn. Die Biographie „Dein Vater“ diente neben dem Depositum der Familie Hahn im Staatsarchiv Stade („Diederich Hahn-Familienarchiv“) als Grundlage für die Biographie der Autorin.

Benutzte Quellen:

Niedersächsisches Staatsarchiv Stade, Depositum 7, Diederich-Hahn-Familienarchiv
Uerdinger Rundschau, Jg. 6, 1957, Heft 13/14; Jg. 2, 1953 Heft 6 und Jg. 1, 1952, Heft 20
Stadtarchiv Dinslaken, Sammlung Willi Dittgen: Brief von Margarete Schröder geb. Hahn an den Verein für Heimatkunde und Verkehr Dinslaken vom 27. 12. 1973
Stadtarchiv Dinslaken, Sammlung Margarete Böing
www.haneworth.de

Ich danke ganz besonders Herrn Dr. Joh. Diederich Hahn-Godeffroy für seine Auskünfte und für die Genehmigung, den Familien-Nachlass einsehen zu dürfen, aber auch Herrn Hans-Hermann Bison für Informationen zum alten Dinslaken und zu Dinslakener Persönlichkeiten.

 

Unsere Großmutter Margarete Hahn

Eine Familienerinnerung
von Dr. Joh. Diederich Hahn-Godeffroy

Sehr gut erinnere ich mich an unsere Großmutter, jedes Jahr im Mai kam sie vier Wochen zu Besuch, und dann hantierten mein Vater und sie unermüdlich mit Manuskripten. Stören verboten. Für uns Kinder sowieso. Aber für unsere Mutter auch. An der Vatertagspartie von uns vier „Männern“ zu Himmelfahrt durfte sie immer als Ehrengast mit.
Ich erinnere mich an ihre Erzählungen von Haneworth: wie sie ganz mutterseelenallein, denn ihr Mann hatte plötzlich in den Krieg ziehen müssen, die Fertigstellung des Herrenhauses voranbringen musste – alle die zwanzig, dreißig Bauarbeiter waren ebenfalls plötzlich nicht mehr da, ebenfalls eingezogen in den Weltkrieg. Und eigentlich hatte sie doch nur Klavierspielen wollen.
Es waren die flämischen Kriegsgefangenen, die ihr halfen, das Haus fertigzustellen, auszumalen, bis hin zur heute noch so genannten „Vlämischen Diele“ – viele von ihnen Freunde der Familie weit über die Kriegszeit hinaus.
Dann die Geschichten von der Anlegung des Parks: Haneworth lag auf einem kleinen Geestrücken, zwischen Westerberg und Hornberg, und mein Großvater hatte darauf bestanden, den Park von vier oder fünf Hektaren mit einem 1,80 Meter hohen Erdwall, zu bepflanzen mit Douglasien, einfrieden zu lassen – eine unvorstellbare Kultivierungsleistung, Mann für Mann.
Bis ins hohe Alter war meine Großmutter schriftstellerisch tätig, ich erinnere mich, wie sie für DIE WELT arabische Sprichwörter übersetzte. Konnte sie Arabisch? Oder aus dem Französischen?
Mit ihrer Heiterkeit und ihrer Erzählkunst hat sie uns, meine Brüder Wilken, Christian und mich, immer sehr beeindruckt. Und natürlich hatten wir ihre Kinderbücher vom Niederrhein alle gelesen.
Dabei hatte sie es schwer: Nachdem sie in den 30er Jahren als angesehene Schriftstellerin festen Fuß gefasst hatte, floh sie im Kriege vor den Bomben aus ihrer Berliner Homuth-Straße auf das Schrödersche Gut Lischow bei Bad Doberan in Mecklenburg, von dem ihr Schwiegersohn Anthon-Heinrich Schröder stammte und wo ihre Tochter Margarethe mit ihren drei Kindern lebte.
1945 „treckten“ sie dann alle fünf – der Schwiegersohn war gefallen – vor den Russen nach Warstade bei Basbeck, nicht weit von ihrem geliebten Haneworth, wo ihre jüngste Schwester Hermine, Tante Mieze, noch immer in dem alten Warstader Haus lebte, das sich einst ihr Vater, der alte Dr. Böing, gekauft hatte, um im Alter seiner Lieblingstochter Margarete nahe zu sein.
Schriftstellerisch waren sie über Generationen tätig, die Böings: die medizinischen Aufsätze, unter anderem im „Naturarzt“, und die vielen Gedichte meines Urgroßvaters Dr. Heinrich Böing sind erhalten, schon dessen Großvater Dr. Wilhelm Böing (1777–1839), Kreisphysikus in Dinslaken*, wird im „Medicinischen Schriftsteller-Lexikon“, Kopenhagen 1830, genannt.
Viel geistig gearbeitet haben sie alle und sehr viel gelesen und ihre Augen dabei überanstrengt. So ist denn meine Großmutter auch an der „Böingschen Kurzsichtigkeit“ gestorben, an einer nicht mehr beherrschbaren Netzhautablösung.

Böing’sches Familienfoto, aufgenommen im Garten des Böing-Hauses Friedrichstraße 16 in Groß-Lichterfelde bei Berlin, 1913

Von links nach rechts und bezeichnet nach ihren Verwandtschaftsbeziehungen zu Margarete Hahn:
Dr. med. Wilhelm Böing (1875–1948), M.s Bruder – Christian Diederich Hahn (1902–1992), M.s dritter Sohn – Dr. phil. Christian Diederich Hahn (1859–1918), M.s Ehemann – Adolph Diederich Hahn (1898–1982), M.s erster Sohn – Elisabeth Böing, geb. Schüler, verw. Haniel (1878–1954), M.s Schwägerin mit Tochter Ursula (1911–1927) – Dr. med. Heinrich Böing (1842–1927), M.s Vater – Thea Haniel (1905-1986), M.s Nichte – Hermine Böing, geb. Krick (1841–1918), M.s Mutter – Margarete Hahn, geb. Böing – Hermine Böing, M.s jüngste Schwester – Jürgen Diederich Hahn (1899–1976), M.s zweiter Sohn – Erna Haniel (1903–1946), M.s Nichte