Wollen Sie uns veräppeln?

Wollen Sie uns veräppeln?

Dieser verrückte Ire, an dem fast immer seine Lehrerkollegen, doch nur selten seine Schüler irre geworden sind, hatte nach einer fulminanten Picknick-Party mit seiner Klasse auf dem Stuyvesant-Square eine Idee – so aberwitzig, dass man sie lesen muss, um sie zu glauben. Sie steht auf Seite 264 des Buches von Frank McCourt, Tag und Nacht und auch im Sommer. Erinnerungen, erschienen im btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, und ist jedem, der häufiger mal an seinem Verstand zweifelt, nachdrücklich zur Lektüre empfohlen. Hier ein Auszug:

 

Frank McCourt

„Hört mal her! Hört ihr mir zu? Ich möchte, daß morgen jeder ein Kochbuch mitbringt. Ja. Ein Kochbuch. Was? Ihr habt kein Kochbuch zu Hause? Tja, dann müssen wir eine Exkursion zu der Familie einplanen, die kein eigenes Kochbuch besitzt. Wir sammeln für euch. Also nicht vergessen, morgen ein Kochbuch.

Mr. McCourt, warum müssen wir Kochbücher mitbringen?
Das weiß ich noch nicht. Vielleicht weiß ich es morgen. Ich hab da was im Kopf, was sich zu einer Idee auswachsen könnte.
Mr. McCourt, nichts für ungut, aber manchmal sind Sie richtig ein bißchen unheimlich.
Sie brachten die Kochbücher mit. Sie fragten, was hat das damit zu tun, daß wir schreiben lernen sollen?
Das werdet ihr schon sehen. Schlagt euer Buch irgendwo auf. Wenn ihr es schon durchgesehen habt und auf ein Lieblingsrezept gestoßen seid, schlagt das auf. David, lies deins vor.
Was?
Lies dein Rezept vor.
Was, hier vor der Klasse?
Ja. Nur zu, David. Ist doch keine Pornographie. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Wir müssen uns Dutzende von Rezepten ansehen.
Aber Mr. McCourt, ich hab noch nie im Leben ein Kochrezept gelesen. Ich hab noch nie im Leben ein Kochbuch aufgemacht. Ich habe noch nicht mal ein Ei gekocht.
In Ordnung, David. Heute wird dein Gaumen zum Leben erweckt. Heute erweitert sich dein Wortschatz. Heute wirst du zum Gourmet.
Eine Hand. Was ist ein Gourmet?
Noch eine Hand. Ein Gourmet ist jemand, der gutes Essen und guten Wein und überhaupt die angenehmen Dinge des Lebens zu schätzen weiß.
Ein ungläubiges Raunen geht durchs Klassenzimmer, und es gibt lächelnde Gesichter und bewundernde Blicke für James, denn er ist der letzte, von dem man erwartet hätte, daß er irgend etwas außer Hot dogs und Pommes kennt.
David liest ein Rezept für Coq au vin vor. Sein Vertrag ist monoton und unsicher, aber sein Interesse nimmt sichtlich zu, während er sich durch das Rezept arbeitet und Zutaten entdeckt, von denen er noch nie gehört hat.
David, ich möchte, daß du und die ganze Klasse Datum und Uhrzeit sowie die Tatsache notiert, daß du in Raum 205 der Stuyvesant High School das erste Kochrezept deines Lebens vor deinen Klassenkameraden vorgelesen hast. Nur der Himmel weiß, wohin dich das führen wird. Merkt euch bitte, daß sich hier und heute zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit eine Literaturklasse versammelt hat, um Kochrezepte zu lesen. David, sicher ist dir aufgefallen, daß stürmischer Applaus ausgeblieben ist. Du hast das Rezept vorgelesen wie eine Seite aus dem Telefonbuch. Aber laß den Kopf nicht hängen. Du hast dich auf Neuland vorgewagt und wirst beim nächsten Mal dem Rezept sicher in vollem Umfang gerecht werden. Noch jemand? Ein Wald von Händen. Ich rufe Brian auf. Ich weiß, daß es ein Fehler ist, und höre schon seinen abfälligen Kommentar. Er ist genau so ein kleiner Miesling wie Andrew der Kippler, aber ich als Lehrer bin über solche Dinge erhaben, reif und bereit, mein Ego hintanzustellen. Ja, Brian. (…)
Oh, er ist ein ganz Lässiger, dieser Brian. Erst lächelt er noch mal Penny zu. Er läßt sich Zeit. Er wird mich am Spieß braten. Ich weiß nicht, Mr. äh McCourt, soll ich jetzt vielleicht heimgehen und äh meinen Eltern sagen, daß wir in einer Klasse an der Stuyvesant High School rumsitzen und äh Rezepte aus Kochbüchern vorlesen? Andere Klassen lesen amerikanische Literatur, aber wir müssen äh wie die letzten Hirnis rumhocken und Rezepte lesen.
Ich bin wütend. Am liebsten würde ich Brian mit einer ätzenden Bemerkung fertigmachen, aber James, der Gourmetkenner, übernimmt. Darf ich was sagen? Er sieht Brian an. Du hockst immer bloß da und krittelst an allem rum. Was ist eigentlich los mit dir? Bist du an deinem Stuhl festgeklebt?
Natürlich bin ich nicht an meinem Stuhl festgeklebt. Weißt du, wo das Sekretariat ist?
Ja.
Also, wenn dir nicht paßt, was wir hier machen, warum hebst du dann nicht deinen Arsch vom Stuhl, gehst ins Sekretariat und wechselst in eine andere Klasse? Kein Mensch hält dich hier. Hab ich nicht recht, Mr. McCourt? Wechsel die Klasse, sagt James. Hau ab hier. Geh Moby Dick lesen, wenn du das verkraftest.
Susan Gilman meldet sich grundsätzlich nicht. Dazu hat sie es zu eilig. Zwecklos, ihr zu sagen, daß es gegen die Vorschrift ist, einfach loszuplappern. Das wischt sie weg. Was soll’s? Jetzt muß sie mir unbedingt sagen, daß sie mir auf die Schliche gekommen ist. Ich weiß, warum Sie wollen, daß wir diese Rezepte vorlesen.
Ach ja?
Ja, weil sie nämlich gedruckt wie Lyrik aussehen, und manche lesen sich auch wie Lyrik. Ich finde, die sind sogar noch besser als Lyrik, weil man sie schmecken kann. Und, wow, die italienischen Rezepte sind pure Musik.
Maureen McSherry schließt sich ihr an. Was mir an den Rezepten auch so gefällt: Man kann sie so lesen, wie sie sind, ohne daß irgendwelche Scheiß-Englischlehrer ständig auf dem tieferen Sinn rumreiten.
Schön, Maureen, darauf kommen wir noch zurück.
Auf was?
Auf die Scheiß-Englischlehrer, die auf dem tieferen Sinn rumreiten.
Michael Carr sagt, er habe seine Flöte dabei, und falls jemand ein Rezept rezitieren oder singen möchte, könne er ihn begleiten. Brian schaut skeptisch. Er sagt, soll das ein Witz sein? Kochrezepte mit Flötenbegleitung? Drehn hier jetzt alle komplett durch? Susan sagt ihm, laß den Quatsch, und bietet an, zu Michaels Begleitung ein Lasagnerezept vorzutragen. Während sie ein Rezept für schwedische Fleischbällchen vorliest, spielt er »Hava Nagila«, eine Melodie, die nichts mit schwedischen Fleischbällchen zu tun hat, und die anderen kichern erst, dann hören sie ernsthaft zu, und am Schluß klatschen sie und gratulieren den beiden. James meint, sie sollten mit der Nummer auf die Straße gehen und sich The Meatballs oder The Recipes nennen, und er bietet ihnen an, ihr Agent zu werden, weil er sowieso mal Steuerberater werden will. Als Maureen ein Rezept für irisches Natronbrot vorliest, spielt Michael »The Irish Washerwoman«, und alle klopfen oder schnippen den Takt mit.
Die Klasse ist lebendig. Einer sagt dem anderen, wie irre das ist, schon allein die Idee, Rezepte vorzulesen, Rezepte zu rezitieren, Rezepte zu singen, während Michael seine Flöte französischen, englischen, spanischen, jüdischen, irischen, chinesischen Rezepten anpaßt. Und wenn jetzt jemand reinkäme? Diese japanischen Pädagogen zum Beispiel, die sich hinten an die Wand stellen und den Lehrer beobachten? Wie würde der Rektor ihnen Susan und Michael und das Frikadellenkonzert erklären?
Brian setzt der allgemeinen Begeisterung einen Dämpfer auf. Er fragt, ob er einen Paß bekommen könne, um ins Sekretariat zu gehen und sich zu erkundigen, ob er die Klasse wechseln kann, weil er hier nichts lernt. Ich meine, wenn das die Steuerzahler erfahren, wie wir hier unsere Zeit mit dem Singen von Kochrezepten vertrödeln, sind Sie Ihren Job los, Mr. McCourt. Ist nicht persönlich gemeint, sagt er.
Er will sich bei Penny Schützenhilfe holen, aber die übt schon ein Paellarezept aus dem Kochbuch einer anderen. Sie sieht Brian an und schüttelt den Kopf, und als sie mit dem Rezept fertig ist, sagt sie, wenn er wirklich die Klasse wechseln wolle, sei er verrückt. Verrückt. Ihre Mutter hat ein Rezept für ein absolut himmlisches Lammragout, das sie, Penny, morgen mitbringen wird, und es wäre schön, wenn Michael dann wieder mit der Flöte dabei wäre. Ach überhaupt, ob sie nicht ihre Mutter mitbringen soll. Ihre Mutter singt immer in der Küche, wenn sie Lammragout macht, und das war doch super, wenn Penny einfach das Rezept vorlesen, ihre Mutter singen und Michael so schön auf der Flöte spielen würde. Das war doch super!
Brian wird rot und sagt, er spielt Oboe und würde gern mit Michael zusammenspielen, wenn Penny morgen ihr Lammragoutrezept vorträgt. Sie legt ihm die Hand auf den Arm und sagt, ja, das machen wir.
Im A-Train nach Brooklyn kommen mir Bedenken wegen der Entwicklung, die diese Klasse nimmt, vor allem weil meine anderen Klassen schon fragen, warum sie nicht auch mit allen möglichen Fressalien in den Park gehen und Rezepte mit Musikbegleitung vorlesen dürfen. Wie läßt sich das alles vor den höheren Stellen rechtfertigen, die den Lehrplan im Auge haben? …“

Hätte Frank McCourt unsere KochKulturBücher gekannt, wären ihm solche Bedenken sicher nicht gekommen. Denn die könnten sogar im Lehrplan für Kreatives Kochen und Kreatives Schreiben stehen. Und nicht nur das: sie eignen sich auch hervorragend zum Vorlesen.

Man habe ja schon meterweise Kochbücher zu Hause, sagen uns viele Leser, aber diese Bücher seien so einzigartig, dass man sie unbedingt haben muss. Denn da trifft man bekannte und neue Gesichter, staunt und schmunzelt über ihre Rezepte, lernt ihre Geschichten kennen und kommt auf kulinarische Art ins Gespräch miteinander. Überhaupt die Geschichten, die seien so spannend, witzig und lebendig die Geschichten, dass man gar nicht aufhören will, darin zu lesen.

Machen Sie’s einfach wie Frank McCourt, dessen wundervolles, witziges, freches und kluges Buch mit dem 18. Kapitel endet, das aus einem einzigen Satz besteht: „Ich probier’s.“

  • Also probieren Sie’s mal!