Lehmpastor Felke

Emanuel Felke – Der Lehmpastor von Repelen

Ein Pionier der Naturheilkunde

Der Lehmpastor Emanuel Felke

Arzt wäre er gern geworden. Doch die Mutter, eine Pastorentochter, wollte ihren Sohn als Pfarrer auf der Kanzel sehen. Also studierte er Theologie, in Berlin, Ende der 1870er Jahre, besuchte aber auch medizinische Vorlesungen an der Universität. Die Neigung zur Arzneikunde hatte er wohl vom Vater. Der war Dorfschullehrer in Kläden bei Stendal und beschäftigte sich viel mit Volksmedizin und Naturheilverfahren und der damals noch jungen Homöopathie. Dass sein Sohn, der 1856 geboren und auf die Namen Emanuel Erdmann Leopold Stephanus getauft wurde, sich dafür interessierte, kann ihm nicht missfallen haben. Vielleicht hat er den Heranwachsenden, wenn er ihm seine Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet weitergab, auch schon darauf vorbereitet, dass diese Art, sich mit Fragen von Gesundheit und Krankheit zu befassen, den Beifall der Schulmedizin nicht findet; und als Emanuel Felke dann den Berliner Medizinprofessoren lauschte, wird er das Wort „Homöopathie“ kaum, und wenn, dann nur mit herabsetzenden Gänsefüßchen gesprochen, gehört haben. Irre gemacht hat ihn das nicht. Er sammelte weiter Erfahrungen und experimentierte auf diesem Gebiet.
1887 übernahm er eine Pfarrstelle in Cronenberg im Bergischen Land. Als dort eine Diphtherie-Epidemie ausbrach, wurde der Seelsorger zum Leibsorger: Er entwickelte homöopathische Mittel, die so erfolgreich waren, dass die Menschen in Scharen zu ihm liefen. Sie kamen von nah und fern und belagerten geradezu sein Pfarrhaus, und ehe er’s sich versah, galt er als eine Art Wunderheiler, dessen Ruf sich rasch verbreitete.
Seinen Kirchenoberen missfiel das sehr; sie ermahnten ihn, seine Pflichten als Seelenhirte nicht zu vernachlässigen. Emanuel Felke zeigte Einsicht, zunächst, und suchte nach einer neuen Pfarrstelle, wo man ihn nicht kannte und er sich ganz seinen seelsorgerlichen Aufgaben widmen könnte. Er glaubte sie im kleinen Repelen gefunden zu haben, und die dortige evangelisch-reformierte Gemeinde freute sich, als ihr neuer Pastor am 23. September 1894 ankam.

Aber er konnte es nicht lassen. Seel- und Leibsorge vermochte er nicht zu trennen.

Doch selbst wenn er hätte schweigen wollen – es war zu spät. Sein Ruf als Heilkundiger war ihm vorausgeeilt, auch in Repelen kamen die Menschen und suchten Rat und Hilfe. Sollte er sie wegschicken? Seine Menschenliebe ließ das nicht zu, also half er, wo und wie er konnte, entwickelte seine diagnostischen und homöopathischen Methoden weiter und kombinierte zur Behandlung chronischer Krankheiten mit mehreren Symptomen verschiedene Wirkstoffe, was damals neu war. Er gilt seitdem als Begründer der Komplex-Homöopathie und als wichtiger Impulsgeber für die Iris-Diagnostik. Seine Rezepturen verwendete er nicht nur bei seinen Patienten, er stellte sie auch Apotheken zur Verfügung.

Die Erfolge des „Kurpfuschers“, der er in den Augen seiner vorgesetzten Kirchenbehörde war, überzeugten viele Menschen, und schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt wurde der „Repeler Jungbornverein zur Gesundheitspflege“ gegründet, der Felkes Methoden unterstützte und verbreitete.
Das ermutigte ihn, eine Idee zu verwirklichen, die ihm bei einem Besuch in Eckerthal im Harz gekommen war. Dort hatte Adolf Just, ein damals ebenfalls sehr bekannter Naturheiler, einen „Jungborn“ gegründet, eine Art Sanatorium, in dem Naturheilverfahren angewendet wurden. Eine solche Einrichtung wollte Felke auch in Repelen schaffen.

Das Junkbornhaus vom Park aus gesehen

Er gewann viele Mitstreiter für diese Idee. Eine „Jungborngesellschaft“ gründete sich und erwarb Wiesen und Äcker am sogenannten Repelener Meer, in der Nähe seiner Kirche. Auf diesem Grundstück entstand mit tatkräftiger Hilfe vieler Bürger die „Naturheilanstalt Repelener Jungborn“, mit Liegewiesen, Bäumen, Sträuchern und Holzhütten für die Kurenden. Da diese sich Licht, Luft und Sonne im Naturzustand, also hüllenlos auszusetzen hatten, wurde um das Ganze ein Zaun gezogen.
1898 wurde die Anlage eingeweiht. Aber die Behörden sahen Sitte und Anstand gefährdet und verlangten, den Zaun auf drei Meter zu erhöhen. Als ihnen das zu langsam ging, untersagten sie 1899 kurzerhand den Kurbetrieb, allerdings nur vorübergehend.

Freiübungen im Park

Das Wort Kurbetrieb übertreibt nicht. Von überall her strömten die Kurgäste, sogar aus dem Ausland kamen sie, aus England, Russland, selbst aus den USA, in der Saison von Mai bis Oktober waren es manchmal an die 400, weit mehr, als ursprünglich gedacht. „Der Jungborn zu Repelen“, heißt es in einer Anzeige aus jenen Jahren, „geniesst trotz der kurzen Zeit seines Bestehens bereits anerkannten Weltruf. […] Obgleich aber Repelen sich heute zum internationalen Kurort entwickelt hat, so wusste es doch den lauten Lärm eines solchen von sich vollständig fernzuhalten und dem Kurgast die Reize eines ländlichen Idylls zu bewahren. Die weit ausgedehnten Anstaltsanlagen mit ihren vielen Lichtlufthütten, schattigen Wegen und lauschigen Plätzchen, die einzigartige, durch kalte Formeln nicht beeinträchtigte Herzlichkeit im Verkehr der Kurgäste untereinander – alles das und noch mehr weiss nur der zu würdigen, der Gast unserer Anstalt gewesen ist.“

Lufthütten

Was diesen Gast erwartete, teilt die Anzeige ebenfalls mit: „Die eigentliche Naturkur besteht in einer, namentlich Früchte als Rohkost bevorzugenden vegetarischen Diät, in Sitzbädern, Lichtluftbädern, Lehmbädern, turnerischen Uebungen und Spielen, in der Verordnung homöopathischer Medikamente, sowie in den durch den Anstaltsarzt ausgeführten verschiedenen Ergänzungsmethoden.“

 

Lehmsitzbäder und Sitzkuren in der Wanne

Pastor Felke, der inoffizielle Kurdirektor – die Verwendung von Lehm als Heilmittel hatte ihm den Namen „Lehmpastor“ eingetragen ?, war in seinem Element. Neben den homöopathischen Medikamenten war ihm die gesunde Kost besonders wichtig. Fleisch gehörte nicht dazu, wohl aber viel frisches Obst und Gemüse, Vollkornbrot sollte möglichst zu jeder Mahlzeit gegessen werden, Kaffee (der echte) und Alkohol waren verpönt, gegen den Durst halfen Wasser, Muckefuck und Milch. Den Muckefuck hatte er zwar nicht erfunden, aber verbessert. „Felke’s Nährkaffee“ hieß er und wurde exklusiv von der Firma Mädel & Co. in Mülheim an der Ruhr vertrieben.

Was im einzelnen auf den Tisch kam, zeigt ein „Wochen-Speisezettel nach Pastor Felke“:

Sonntag.

Morgens: Butterbrot mit ungekochter Milch und Obst.
Abends: Apfelreis, Butterbrot, Nüsse.
Mittags: Grünkernsuppe mit gerösteten Semmelbrocken
oder Kartoffelpüre mit einem weichen Ei.

Montag.

Morgens: Steife Hafergrütze mit Obst drin, Butterbrot.
Abends: Bratkartoffeln mit Salat und 1 w. E.
Mittags: Kartoffelklöse mit brauner Butter und Backobst.

Mittwoch.

Morgens: Buttermilch-Pappe [Suppe], Butterbrot, Obst.
Abends: Kartoffelkuchen mit Salat oder wie Sonntags.
Mittags: Linsen oder Bohnen oder Erbsen.

Donnerstag.

Morgens: Steife Hafergrütze mit Obst drin, Butterbrot.
Abends: Bratkartoffeln mit Salat und 1 w. E.
Mittags: Gemüse, frisch oder aus der Tonne.

Freitag.

Morgens: Gries mit Preisselbeeren oder dicke Milch bei warmem Wetter.
Abends: Kakao, Butterbrot, Obst, Nuß.
Mittags: Möhren, Aepfel, Kartoffeln, durcheinander gekocht.

Samstag.

Morgens: Grütze mit Obst, Butterbrot, Milch.
Abends: Pellkartoffeln und Hering oder gemischter Salat:
Möhren, Kartoffeln, Tomaten, Sellerie etc.
Mittags: Erbsensuppe! Auch mal Mettwurst drin.

Jeden Mittag zu Beginn: Simons- oder Graham-Butterbrot
mit allerlei Nußobst, frischem Obst, Datteln, Feigen
und ungekochte Milch.

 

Dass er selber sich nicht nach diesem Speisezettel richtete, gern deftig aß und auch den Alkohol nicht verschmähte, mag mancher mit Stirnrunzeln registriert haben – seinem Erfolg tat das keinen Abbruch. Felke-Kurorte entstanden in Krefeld, Aachen, Kettwig, Dortmund und Berlin. Den Namen „Repeler Methode“ oder „Felke-Methode“ durften sie jedoch nur verwenden, wenn sie von Felke dazu autorisiert wurden: Die Gründer oder Leiter dieser Einrichtungen mussten von ihm geschult und zugelassen worden sein. Daneben wurden Felke-Vereine gegründet mit über 2500 Mitgliedern in ganz Deutschland, und eine Felke-Zeitschrift gab es auch.

Die Kuranlage wird zum Kriegslazarett

Doch dann brach die Erfolgsgeschichte ab. 1912 musste Felke auf massiven Druck der Kirchenleitung sein Pfarramt aufgeben. 1914 begann der Erste Weltkrieg, der Kurbetrieb in Repelen wurde eingestellt, die Anlage als Lazarett genutzt. Der Lehmpastor, jetzt mittellos, zog zu einem seiner Schüler nach Sobernheim an der Nahe und baute dort einen neuen Kurbetrieb auf. Nach dem Krieg versuchte er den Repelener Jungborn wieder zu beleben und reiste alle 14 Tage dort hin, doch der Kurbetrieb erreichte nie wieder den Umfang, den er vor dem Krieg hatte. Dass er ganz eingestellt wurde, musste Emanuel Felke nicht mehr erleben. Er starb 1926. Acht Jahre später, 1934, kam dann das Ende. Die Schwerindustrie mit Bergbau und Kokerei brachte den Jungborn zum Versiegen.

Doch nicht ganz. Felke-Vereine gab es weiterhin und gibt es bis heute. Einer davon ist der Felke-Verein Repelen. Dessen Vorsitzende, Christa Wittfeld, und ihr Mann Friedhelm beschlossen 1998, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Jungbornparks Repelen, gemeinsam mit ihren Freunden des Vereins „Repelen aktiv“ den Jungbornpark wieder zu beleben.

Das Felke-Museum am Jungbornpark

Durch neue Einrichtungen sollte an die Kurzeit mit „Lehmpastor Felke“ erinnert werden. 2005 war die größte Hürde geschafft: Die Finanzierung der Idee war gesichert. 80 Prozent der Kosten wurden von dem Fördertopf Startklar des Landes Nordrhein-Westfalen übernommen. Die restlichen 20 Prozent mussten die Initiatoren in Form von Muskelkraft, Bargeld und Eigenleistung erbringen. Planung und Gestaltung übernahm der Landschaftsarchitekt Markus Schlothmann. Und dann war es, als habe der Geist von 1896, als Felke mit 81 Anteilseignern aus Repelen den Jungbornpark auf dem 50 Morgen großen Ackerland innerhalb von zwei Jahren förmlich aus dem Boden stampfte, die Mitarbeiter an dem Projekt wieder erfasst. Sie packten an, und ein Jahr später konnten bereits das kleine Felke-Museum (Nachbau einer Lichtlufthütte aus Holz) und der Musikpavillon (Nachbau einer Wandelhalle) eingeweiht werden. Ein kleiner Kräutergarten wurde angelegt, und zwei Lehmgruben und Felkes Sitzwannen demonstrieren, woher der „Lehmpastor“ seinen Spitznamen hatte. Der Barfußpfad und künstlerisch gestaltete Wasserelemente im Bereich Moersbach werden in naher Zukunft entstehen. Eine beeindruckende Leistung!

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Heute ist der Jungbornpark in Repelen der Stolz derer, die ihn neu haben erstehen lassen, und eine Freude für alle, die ihn besuchen.