Ein Schlüsselerlebnis der besonderen Art – Die JVA Moers-Kapellen

Ein Schlüsselerlebnis der besonderen Art – Die JVA Moers-Kapellen

Gefangen in ländlicher Idylle

Schlüsselerlebnis 1

Niemand würde vermuten, dass die kleine Wohnanlage, die sich idyllisch zwischen Pferdeweiden und Bauernhöfen versteckt, ein Gefängnis ist. Da gibt es keine Wachttürme und mit Stacheldraht bewehrte Mauern und auch keine Gitter vor den Fenstern. Nur die Tafel vor dem mit Blumenbeeten geschmückten Pförtnerhaus verrät, dass man hier vor der „Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen“ steht. Erst wenn man die Eingangsschleuse passiert und sich vor den uniformierten Beamten ausweisen muss, mag sich eine gewisse Beklemmung einstellen. Doch spätestens, wenn die Anstaltsleiterin, Elke Krüger, den Besucher begrüßt, ist alle Bänglichkeit verflogen. Die Herzlichkeit, die aus jeder Geste dieser jugendlich wirkenden, schlanken und lebhaften Regierungsdirektorin spricht, lässt einen das Beklemmende, das sich mit dem Begriff Gefängnis verbindet, rasch vergessen.

Elke Krüger in ihrer „Justizvollzugsoase“

Der anfängliche Eindruck einer Idylle verstärkt sich, wenn man das Innere der JVA betreten hat. Ein Rundgang mit Frau Krüger durch die um eine kleine gepflegte Parkanlage gruppierte Wohnanlage verdrängt vollends den Gedanken, in einer bewachten Haftanstalt zu sein. Die Gefangenen, wie sie hier genannt werden, bewegen sich wie „normale“ Menschen frei auf dem Gelände und in den Häusern, doch nicht nur dort. Die meisten gehen außerhalb der Anstalt einer Arbeit nach – denn alle, die hier leben, sind Freigänger, Menschen also, die zwar eine Strafe verbüßen, aber im offenen Vollzug und mit einem Rundumangebot sozialer und menschlicher Betreuung. So verstehen sich die meisten Bediensteten hier nicht in erster Linie als Aufseher und Wächter, sondern als Sozialarbeiter.

Die parkähnliche Wohnanlage der Gefangenen

Seinen sinnfälligsten Ausdruck findet dieses bemerkenswerte Selbstverständnis in dem nicht minder bemerkenswerten Logo, das sich auf Anregung von Elke Krüger die Anstalt, genauer gesagt deren Bewohner und Bedienstete, selbst gegeben hat. JVA heißt in Moers-Kapellen: Jeder Verdient Achtung. Die Freundlichkeit des Umgangs miteinander und der gegenseitige Respekt schaffen ein Klima der Offenheit und Wärme, das Menschen gedeihen lässt. „Justizvollzugsoase“ wird sie denn auch immer wieder genannt, und dies keineswegs abschätzig, sondern mit staunendem Respekt. Und so hat es seit vielen Jahren keine Gewalttätigkeiten unter den ca. 300 Gefangenen gegeben und auch sonst nur wenig, was den inneren Frieden hätte ernsthaft gefährden können.

Schlüsselerlebnis 2

Roland Bauer beim Schmieden der „Teigschlüssel“

In jedem Unternehmen ist die Küche außer dem Arbeitsplatz der Ort, an dem sich entscheidet, wie ernst es die Unternehmensleitung mit ihren guten Vorsätzen wirklich meint. So auch in Moers-Kapellen. Auch hier ist es der Chef, der schon bei der Begrüßung alle Zweifel an der J-V-A-Selbstverpflichtung ausräumt.

Durchaus kein Mann der großen Worte und dem Besucher gegenüber anfänglich eher abwartend, sieht man Roland Bauer, den gelernten Bäcker und geschulter Koch, schon bald lachen und den Humor in seinen Augen blitzen, wenn es an die Arbeit geht. Doch außer der täglichen Arbeit, die vor allem in der Zubereitung von Frühstück, Mittagessen und Abendbrot für die Häftlinge besteht, gibt es in jedem Jahr etwas, auf das er sich mit seinen 16 im Küchendienst tätigen Gefangenen besonders freut: das „Schmieden“ der Teigschlüssel (siehe Rezept S. 000). Warum ausgerechnet Schlüssel? „Weil sich gerade für Gefangene mit dem Wort Schlüssel etwas Besonderes verbindet“, erklärt Roland Bauer. Und so sollte jeder hier seinen eigenen Schlüssel haben – oder besser noch zwei: einen zum Reinbeißen und einen zum Weitergeben. Welche Zeit könnte dafür besser geeignet sein als die Zeit um St. Martin, der sein Herz aufschließt für fremde Not. Wo anderswo der „Weckmann“ die Kinderherzen erfreut, sind es in Moers-Kapellen vor allem die „Teigschlüssel“, mit denen man zu den Kindern draußen kommt.

Schlüsselerlebnis 3

Die selbstgebastelten Raben auf der Gartenbank

Die „kleine Anstalt am Rande der Stadt“ – eine liebevoll gemeinte Bezeichnung Elke Krügers, die damit bisweilen ihre E-Mail-Empfänger grüßt – hat jedoch noch ein Herz im Zentrum von Moers schlagen, dort nämlich, wo bis Anfang 2005 der „Familienknast“ (der Name kommt von der familiären Atmosphäre, die dort herrschte) seinen Ort hatte: im alten Hafthaus in der Haagstraße. Das alte Gebäude mit seinen wuchtigen Mauern sieht tatsächlich ein wenig aus wie ein Gefängnis; einige Fenster sind noch von innen vergittert. Aber man stutzt und staunt: Da hängt doch tatsächlich unter einem vergitterten Fenster frech ein Schild mit der Aufschrift „Gitterstübchen“ und ein Fenster weiter steht gar groß und einladend zu lesen: „geöffnet“.

Blick durch das Fenster des Gitterstübchens

Und so ist es auch. Dienstag und Donnerstag von 10 bis 14.30 Uhr steht die Tür zum „Gitterstübchen“ für jedermann offen. Und auch das hat’s schon gegeben, dass man „Schlange stehen (musste) vor dem Knast“, wie eine örtliche Zeitung groß titelte. Das ist durchaus keine Seltenheit. In der Adventszeit, wenn es Geschenke zu kaufen gilt, können sich die „Insassen“ des Gitterstübchens bisweilen kaum vor dem Ansturm retten. Hier werden nämlich all die schönen Sachen verkauft, die die Gefangenen in liebevoller Kleinarbeit gebastelt haben.

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Mit den Teigschlüsseln schließt die JVA die Herzen auf

Besonders begehrt aber sind in diesen Tagen neben den Weckmännern vor allem die Teigschlüssel aus der Backstube von Roland Bauer und seinen eifrigen Helfern. Als wohne ihnen ein besonderer Zauber inne, gelingt es der JVA Moers-Kapellen just mit ihnen, die Türen zu den Herzen der Menschen aufzuschließen. Ein echtes Schlüsselerlebnis für die Menschen in Moers!