Beim Essen reden wir vom Sterben

Beim Essen reden wir vom Sterben und beim Sterben vom Essen
von Hanns Dieter Hüsch

Hanns Dieter Hüsch Zeichnung von Gerhard Wurzler, Moers

Luise, das Dienstmädchen bei Tante Liese auf der Uerdingerstraße 21, blieb immer nur bis nach dem Mittagessen, danach räumte sie alles noch weg und spülte und fegte die Küche aus, und dann fuhr sie nach Schwafheim zurück. Sie war scheu wie ein Reh, und wenn Onkel Hein, der Schneider, beim Mittagessen mal einen Witz machte, wurde sie über und über rot im Gesicht und am Hals. Sie scheuerte nach dem Mittagessen auch noch den Herd blitzblank, und zwar fuhr sie zuerst mit einem dunkelgrünen, dicken Stift über den Herd, schmierte damit die ganze Herdplatte ein, das stank zum Himmel, und dann wienerte sie mit einem Tuch die Platte so blank, daß man sich drin spiegeln konnte. Neben dem alten Herd, der noch mit einer Kohlenschaufel bedient wurde, und unter dem Herd stand noch ein Kohlenkasten, neben dem Herd stand eine Topfbank mit einer Gardine davor, und darüber hing der Handtuchhalter. Halt, zwischen der Topfbank und dem alten Herd stand noch ein neuer Gasherd, auf dem Tante Liese immer Unmengen von Obst einmachte, in so einem ganz großen Kessel, und da war ein Einsatz drin, wo man die Einmachgläser mit Kirschen, Pflaumen, Pfirsichen und Stachelbeeren unterbringen konnte. Und zwischen dem Einmachglas und dem Deckel mußte immer ein Weckgummi sein, damit alles schön dicht hielt. Und Tante Liese machte auch Schnibbelbohnen in einem ganz großen Tontopf ein, das gab dann später Schnibbelbohnen mit Rindfleisch und Kartoffeln, und das Ganze war immer ein bißchen säuerlich und schmeckte durcheinander besonders himmlisch.

Die Hanns-Dieter-Hüsch-Stele in Moers

Auf dem neuen Gasherd kochte Tante Liese auch immer die Muscheln im November, und auch noch im Dezember. Muscheln kann man ja in allen Monaten essen, die ein R im Namen haben. Nachmittags wurden die Muscheln erst mal geschrappt, saubergemacht, und abends saßen wir Männer um den Tisch herum, der jetzt wieder an seinem richtigen Platz stand, und warteten auf die Muscheln. Onkel Hein und ich, wir saßen auf dem Sofa, er saß rechts, und ich saß links, und neben mir am Kopfende saß mein Vater, und Tante Liese, wenn sie sich überhaupt bei Muscheln setzte, saß mir gegenüber und schmierte unzählige Scheiben Schwarzbrot mit dick Butter. Schwarzbrot mit dick Butter ist schon für sich eine Delikatesse, aber zusammen mit Muscheln, die in einer feinen Soße mit viel Zwiebeln und Pfeffer lagen, ist das eine Lebensnotwendigkeit, und wir Männer lagen unverschämt nach immer neuen Muschelportionen auf der Lauer, und Tante Liese war sehr guter Dinge, wenn sie für ihre Männer kochen konnte, und die fielen dann wie die Haie über ihr Essen her. Und ich aß ja wie ein Landsknecht. Auch heute noch. Ich bin für eine feine Gesellschaft ein Risiko. Ich weiß schon, wie man sich benimmt, aber ich vergesse es immer, wenn feine Dinge aufgetragen werden, und möchte dann am liebsten wie Burt Lancaster in dem berühmten Film „Vera Cruz“ mir so einen knusprigen Hühnerschenkel durch die Zähne ziehen, daß das Fett mir in den Bart läuft, und möchte auch meinem reizenden Gegenüber, der Komtesse von Pfirsichburg, eine dunkelblaue Traube ins Dekollete werfen, oder dem Geheimrat Kalk von Kalkstein langsam die Smokingfliege aufblättern und ein Trostpflaster über seinen Mund kleben, damit er zu kommandieren aufhört, und dann möchte ich mich noch an den Kronleuchter hängen, hin und her schaukeln, um dann schließlich mitten in die große Geburtstagstorte hineinzuspringen. So einer bin ich heute. Und das hat am Tisch bei Tante Liese mit den Muscheln angefangen. Lang, lang ist’s her, aber immerhin einmal sittenlos, immer sittenlos.

Kumma wie der geht …

Ich hab nämlich damals die Muscheln, wie es die meisten sonst handhaben, nicht mit einer leeren Muschel als Zange aus ihrem Gehäuse gezupft, sondern die Muschel schön in ihrem Teil des Gehäuses gelassen, die Schale samt Muschel dann durch den pikanten Sud gezogen, und dann die Muschel samt Sud, wie die Auster des kleinen Mannes, locker heruntergeschlürft. Lecker. Dieserhalb bin ich mal in Essen in einer einfachen Wirtschaft rausgeflogen, weil der Wirt mir beibringen wollte, wie man anständig Muscheln ißt, eben, daß man das leere Gehäuse als Zange benutzt und dann möglichst mit spitzen Fingern die Muschel herbei-, also an sich heranzieht, um sie dann dezent in den Mund zu geben.

Sehen Sie, hab ich diesem Pädagogen unter den Gastronomen gesagt, sehen Sie, und genau das mache ich nicht, ich bin nicht jahrelang bei meiner Tante Liese in Moers auf der Uerdingerstraße 21 in die Muschellehre gegangen, daß Sie mir jetzt in Essen Ihre bezaubernden Ratschläge, wie man Muscheln adäquat ißt, um die Ohren hauen.

Gemacht aus Bauern- und Beamtenschwäche kam ich in diese Welt hinein …

Da hätten Sie was erleben können. Da hat dieser Wirtschaftserzieher, dieser Muschelgesellschaftslehrer, sich aufgebäumt und hat um sich gerudert und vor lauter Entrüstung drei Worte auf einmal gesagt, das könne er in seinem Haus nicht einreißen lassen, wir sollten gefälligst woanders hingehn, mein alter Freund Helmut Ruge, Kabarettist und Feinschmecker, war noch dabei, und wir bräuchten uns in seinem Lokal nicht mehr blicken zu lassen, Muscheln esse man auf der ganzen Welt anders, und das müsse er sich nicht antun, und auf Nimmerwiedersehen, die Herren. Ich kann Ihnen das Lokal zeigen. Es liegt ganz in der Nähe vom Essener Jugendzentrum in der Papestraße. War das ein Spaß. Und vielleicht ißt man Muscheln wirklich anders, aber mir schmecken sie so gegessen am besten, und man ißt ja auch immer ein Stückchen Erinnerung mit. Und auf dem Sofa an Tante Lieses Tisch in der gemütlichen Wohnküche hat mir sowieso damals alles am besten geschmeckt, obwohl die Linsensuppe bei Tante Anna, wo ich samstags zum Baden hinging, denn die hatten in der Lessingstraße 25 schon ein richtiges Bad, die Linsensuppe, ein ganzer Teller, der extra immer samstags für mich übriggelassen wurde, mit einem Schuß Essig dran, war ganz große Klasse. Aber Tante Liese machte auch alles so raffinierte Geschichten. Es waren eigentlich alles ganz einfache Sachen, wie Hasenpfeffer und Kuschelemusch, aber wie sie das machte und was sie darantat, das schmeckte einfach alles. Kuschelemusch, das war eine Mischung aus Stockfisch und Kartoffeln, und ich konnte davon Berge essen.

Linsensuppe mit Blutwurst

  • 500 g Linsen
  • 500 g Kartoffeln
  • Suppengrün
  • 500 g Blutwurst
  • Salz, Pfeffer

Die Linsen in reichlich Wasser möglichst über Nacht einweichen. Die Kartoffeln schälen und würfeln und mit den Linsen und dem Suppengrün in 1 Liter kaltem Wasser aufsetzen, aufkochen und langsam gar köcheln. Anschließend die Blutwurst dazugeben und mit Salz und Pfeffer kräftig abschmecken.

Der liebe Gott zum Beispiel ich weiss nicht ob Sie das wissen …

Warum erzähle ich eigentlich immer so viel vom Essen? Ich weiß nicht, ob es ganz stimmt, aber mein saarländischer Freund aus Dortmund, Karl-Heinz Schmieding, Hauptabteilungsleiter beim Saarländischen Rundfunk, Unterhaltung, hat mal zu mir gesagt:Ihr Niederrheiner habt, genau besehen, immer nur zwei große Themen: Essen und Sterben.

Zuerst hab ich einen Schrecken bekommen, aber nach ein paar Tagen mußte ich mir sagen, etwas ist da dran: Essen als Verdauung und Sterben als Verwesung. Denn wir Niederrheiner können doch stundenlang erzählen, was wir gern essen und was wir nicht so gern essen und wie der gestorben ist und woran, und wie lang das gedauert hat, und welcher Arzt das alles verpfuscht hat, und wer schließlich das Ganze erbt, und daß gar nichts mehr da ist, weil, alles ist für die Operation draufgegangen, und wir hatten am Sonntag Dicke Bohnen. Das wird alles durcheinandererzählt, genauso wie ich hier mein Leben erzähle. Beim Essen reden wir vom Sterben, und beim Sterben reden wir vom Essen:

Du mußt jetzt tüchtig was essen, es kommen jetzt schwere Tage auf dich zu. Und gerade wer trauert, muß zwischendurch tüchtig was essen, sonst stehst du das gar nicht durch. Und vom Hungern wird der Hein ja auch nich wieder lebendig. Da mußt du schon was zwischen den Rippen haben.

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Ja, beim Sterben reden sie vom Essen, und auf den großen Familiengeburtstagsfesten, wo immer viel gegessen wird, da reden sie vom Sterben. Das kommt wohl, weil wir alle immer aus einem Dorf sind. Das wird es sein, und deshalb ist das in anderen Landstrichen genauso.

Aus: Hanns Dieter Hüsch, Du kommst auch drin vor. Gedanken eines fahrenden Poeten, Klartext Verlag, Essen 2008. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Chris Rasche-Hüsch.