Margarete Böing – Kämpfer

Kämpfer – Margarete Böing
11. Kapitel

Exzellenz Bredenkamp stand auf dem kleinen Rheinstadener Bahnhof, sah sich vergnügt um und atmete ein paarmal hintereinander tief auf. Seine Brust weitete sich; er reckte und streckte sich, und mit sichtlichem Behagen sog er die erfrischende Luft der Heimat ein. Während er mit seiner Handtasche langsam dem Ausgang zuschlenderte, dachte er: „Na, da können sie lange warten, bis ich ihnen dabei helfe, daß sie einen großartigen Hallenbahnhof bekommen. Der hier ist lange gut; der Wind kann von allen Seiten den Menschen anpacken, ihn rütteln und schütteln, und wie tut das wohl! Das fehlte noch, daß man hier wie in den qualmigen Berliner Bahnhöfen unter einer gewölbten Glashalle aussteigt.“

Versandkostenfrei bestellen

Der Dinslakener Bahnhof

Das rote, langgestreckte, nüchterne Bahnhofsgebäude war seinerzeit, als es entstand, bewundert worden; jetzt genügte es dem stetig wachsenden Verkehr schon längst nicht mehr. Aber Bredenkamp liebte es so, wie es war, weil es zu seinen Erinnerungen gehörte.
Niemand wußte, daß er um diese Zeit kam. Er haßte jeglichen Zwang, dem er sich in Berlin so oft unterwerfen mußte; hier in der Heimat wollte er ganz nach seinem Behagen leben. Anstatt den Schlafwagen schon in Duisburg zu verlassen, war er am Morgen bis Köln gefahren, um länger schlafen zu können. Zur Erfrischung hatte er erst einen Gang in die Altstadt gemacht, hatte die Auslagen einiger Kramläden mit Antiquitäten in den Seitengassen angesehen und war dann rheinaufwärts auf der großen Straße in der Richtung nach Bonn entlang geschlendert. Die vertrauten rheinischen Bilder machten ihm Freude. Immer wieder war er stehengeblieben, um sich an dem Anblick der gewaltigen Türme des Domes zu erfreuen, die als Wahrzeichen des Rheinlandes die Ebene weithin überragen und die jeder Sohn des Niederrheins in seinem Herzen mit in die weite Welt nimmt. Hier schien ihm alles groß, weit und frei, trotzdem südwärts über dem Rhein Nebel lag, der die schöngeschwungenen Linien des Siebengebirges verbarg.
In froher Ferienstimmung fuhr er mit dem Vormittagszuge nach Rheinstaden und ging nun die Allee mit den mächtigen alten Pappelbäumen hinauf, die in leichtem Bogen zum Städtchen führte. Die alte Römerstraße war von Napoleon ausgebaut, und der seitliche Wall sollte nach einem neuerlich veröffentlichten Aufsatze des Lokalforschers von Rheinstaden, des Amtsrichters Möllmann, ein Rest des Limes sein. Wie Vorposten schoben sich in dem weiten Gelände einzeln stehende mehrstöckige Häuser vor; am Ende der Landstraße sah man im Glanz der Mittagssonne die zusammengedrängte kleine Stadt mit dem sich seitlich im Norden darüber erhebenden Kastell, von dessen mächtigem, viereckigem Turme die Fahne flatterte.
Bredenkamp schwenkte rechts seitlich ab zu einem schlichten roten Haus in verwildertem, umbuschtem Garten, das an seinem Giebel auf weißem Schild weithin sichtbar die Inschrift zeigte: „Bahnhofshotel, F. W. Ahlfers.“ Als er den fliesengedeckten Flur betrat, öffnete sich schon die Tür der Gaststube, und der dicke, gemütliche Wirt kam ihm entgegen. Wohl vergaß er keinen Augenblick den nötigen Respekt vor der Exzellenz, aber die Freude überwog und zeigte sich deutlich auf dem glattrasierten, runden und roten Gesicht mit den schlauen, aber freundlichen kleinen Augen.

Bahnhofshotel und Gaststätte W. Ahls, im Roman „Bahnhofshotel, F. W. Ahlfers“

„Guten Tag, mein lieber Herr Ahlfers“, erwiderte Bredenkamp seinen Gruß lustig. „Sie sehen, ich besuche Sie, wie immer, zuerst. Ich kann an Ihrem Hause nun einmal nicht vorbeigehen, an diesem Hause, dem Rheinstadens Kultur so viel zu verdanken hat, weil es der Blüte der Bürgerschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit Speise und Trank und fröhliche Unterhaltung bietet. Zweitens aber bekomme ich regelmäßig Sehnsucht nach dem milden, aber guten Kaffee Ihrer Frau; wenn ich den blauen Rauch aus Ihrem Schornstein aufsteigen sehe, dann weiß ich gleich, daß Sie noch bei Ihrem alten Torffeuer geblieben sind, bei dem sich’s so gut Kaffee kochen läßt. Drittens aber – und das ist die Hauptsache – will ich mich von Ihnen belehren lassen, und alle Weisheit und alle Neuigkeiten der drei Elemente unserer Heimat: der Industriellen, der Grundstücksspekulanten und der Viehhändler, die bei Ihnen zusammenfließen, in mich aufnehmen. Ich lade Sie deshalb ein, mir bei meinem Frühstück, das nicht nur aus Kaffee zu bestehen braucht, ein Stündchen Gesellschaft zu leisten. Denn seit ihr euch hier mit der Industrie so angefreundet habt, passiert in einem Jahre mehr als früher in zehn.“
Er ließ sich behaglich an einem der sauber gescheuerten Tische nieder. Die langgestreckte Gaststube mit ihrer einfachen Ausstattung war gemütlich und anheimelnd. Über dem alten Pianino stand noch immer, wie schon in seiner Studentenzeit, auf schwarzem Sockel die Büste des alten Kaisers mit einem unwahrscheinlich großen Kopf. In der Ecke daneben prangte die Germania, die jährlich zu Kaisers Geburtstag neu aufbronziert wurde. Dazwischen hingen an der Wand in schmalen schwarzen Holzrahmen mit Lorbeerkränzen darum die Photographien von zwei Brüdern des Wirtes in der Uniform des dritten Garderegiments zu Fuß; sie waren am 18. August bei dem Sturm auf St. Privat gefallen.
Die Fenster, die auf den Hof führten, wo Tonnen und allerlei Gerümpel sich breit machten, waren verhängt. Die anderen zwei gingen auf den Garten hinaus; fern im Norden sah man, zart in den Himmel gezeichnet, die Tester Berge sich abheben, und davor dehnte sich weit nach allen Seiten die Spelner Heide aus. Unmittelbar am Garten entlang führte die neue Hauptstraße, die Broockmann angelegt hatte.
Auf dieser Straße sah Bredenkamp zu seinem Erstaunen heute zum erstenmal die neue elektrische Straßenbahn, die Broockmann, der Großindustrieller, Grundstücksspekulant, Bauunternehmer und noch vieles andere zugleich war, vom Bahnhof aus nach der Altstadt und weiter bis zum Alsumer Rheinhafen gebaut hatte.

Die „neue elektrische Straßenbahn“ in der Walsumer Straße

In Gedanken versunken sah er der Bahn nach und hörte auf das Rattern, das allmählich in der Ferne aufhörte, als Ahlfers wieder hereinkam.
„Die Bahn ist gut, Exzellenz, was?“ sagte der Wirt stolz. „Mit dem meisten, was der Broockmann hier angibt, sind wir ja nicht zufrieden; aber von der Bahn haben wenigstens alle Vorteil, und nicht nur seine Arbeiter.“
„Na“, fragte Bredenkamp, „wieviel Arbeiter hat er denn jetzt wohl auf dem Walzwerk und auf seinen neuen Zechen?“
„Das ist wohl beinahe eine kriegsstarke Brigade; viel fehlt nicht mehr an sechstausend Mann.“
Ahlfers legte umständlich, bedächtig und feierlich dem vornehmen Gast zu Ehren ein glänzend weißes Tuch auf den Tisch; dann setzte er sich vertraulich dem früheren Spielkameraden gegenüber. Er wußte, daß Bredenkamp fast immer zuerst bei ihm einkehrte, wenn er, meist unerwartet, nach Rheinstaden kam. Und wirklich nicht nur der Jugenderinnerungen wegen, die gewiß gerne lebendig erhalten wurden, sondern auch, um von ihm alles an wichtigen Neuigkeiten zu erfahren, was sich in der Zeit seiner Abwesenheit ereignet hatte.
So holte Ahlfers weit aus und erzählte breit und gemütlich und kam vom Hundertsten ins Tausendste, vergaß dabei aber keinen Augenblick, daß er zu einem mächtigen Manne sprach, dessen Wohlwollen und Freundschaft man sich erhalten mußte. Ein verschlafen aussehender Kellner brachte unterdessen das Frühstück: Kaffee, Schinken und Eier und mußte ein zweites Gedeck für den Wirt nachholen. Ahlfers kam gerade darauf zu sprechen, daß nach der Kirche jeden Sonntagmittag die Musiker vom Walzwerk, das eine eigene Kapelle habe, vor dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal eine Stunde spielten. Die Rheinstadener Bürger gingen dabei spazieren und kämen sich sehr gehoben vor. „Sie werden sich wundern, Exzellenz“, sagte er, „wenn Sie nachher die neue Hauptstraße hinaufgehen, was da in den zwei letzten Jahren gebaut ist. Warenhäuser haben wir gleich mehrere. Die Söhne von Broockmann, besonders der Philipp, die sorgen für alles; sie haben Konsumanstalten für die Arbeiter gegründet, in denen es alle Lebensmittel billiger gibt; sie haben ihre Fleischerei und Bäckerei und sogar ein besonderes Warenhaus für Bekleidung; wir Bürger verdienen nichts mehr; wir haben nur die Krankenhäuser voll und die vermehrten Schullasten noch dabei. Nur die paar Leute, deren Land er nötig hat, die machen ein Geschäft; wir andern sehen zu.“

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Altmarkt

„Ja, ja, Kinder, das habe ich euch vor zwei Jahren schon gesagt“, unterbrach ihn Bredenkamp. „Aber da wollte es noch keiner glauben. Wissen Sie eigentlich, was aus dem jungen Beer geworden ist, dessen Vater damals die Masse Geld für sein Land bekam?“
Ahlfers wußte nur zu gut Bescheid. „Ja, ja“, seufzte er: „Kaum hatte sein Alter die Augen zu, da hängte sich der Junge das Band des teuersten Korps in Heidelberg um, pachtete eine Jagd auf dem Westerwald und zappelte in den Schlingen eines rotblonden Mädchens aus Köln. Das bunte Korpsband und die bunte Herbstjagd und der bunte Tand für das leichtsinnige Mädchen, die drei haben ihn in wenigen Jahren ruiniert. Es ging ihm sehr schlecht, er hat den Hunger kennen gelernt und jetzt ist er froh, daß er bei Broockmann, den er haßt, als Buchhalter ein Unterkommen gefunden hat.“
„Ach Gott, Exzellenz“, fuhr er fort, „Sie hätten gestern abend mal hören sollen, wie sie hier alle auf den Broockmann geschimpft haben. Der Mann ist zu rücksichtslos. Alles, was recht ist, aber er geht auch zu weit. Er macht uns mit seinen schweren Wagen die Wege kaputt, läßt zwangsweise unter Geltendmachung öffentlicher Interessen, für welche er die seinigen ausgibt und dabei noch unter Nachsicht der Behörden alte Gemeindewege verlegen, zum Schaden der Bauern; durch seine Abwässer verjauchen unsere Wasserläufe, in der Beek im Winkelhof gibt’s keinen lebendigen Fisch mehr. Ist ihm auch ganz egal, wenn es Erdsackungen gibt, wo er seine Zechen angelegt hat; er kommt freiwillig für keinen Schaden auf; jeder Pfennig muß ihm in Prozessen abgezwackt werden. In der politischen Gemeinde macht er durch seine Kreaturen, was er will; er hat uns jetzt eine Pauschalsumme nach Kopfzahl seiner Arbeiter angeboten, und dafür sollen wir die viel, viel höheren Kommunallasten, die er verursacht, auf uns nehmen. Aber keiner wagt es, ihm in die Suppe zu spucken. Im Gegenteil: alle wollen aus seiner Schüssel mitessen. Was der alte Herr Landrat war – dessen Schwäche für gute Verpflegung Sie ja kannten, Exzellenz – der steckte auch reichlich oft die Beine unter seinen Tisch und ließ sich die Schloßabzüge von der Mosel schmecken. Ist das denn nun gar nicht möglich, daß da von der Regierung mal eingeschritten wird?“

Das Walzwerk

Bredenkamp schlürfte seinen Kaffee, zündete sich eine Zigarre an und bot sein gutes Kraut auch Ahlfers an, der gerne Importen rauchte, wenn andere Leute sie bezahlten. Nach ein paar behaglichen Zügen meinte Bredenkamp nachdenklich: „Nee, Ahlfers, da wird wohl nicht viel zu machen sein. Wir wollen doch nun mal durchaus ein Industriestaat werden, ja wir wollen sogar – da oben wenigstens – der erste Industriestaat Europas werden, damit wir desto besser eine großartige Weltpolitik treiben können. Der Broockmann arbeitet eben rücksichtsloser als die anderen Industriemagnaten mit dem stärksten Hochdruck in den kombinierten Betrieben seiner gemischten Werke und in seinen zahlreichen Spezialfabriken, Unternehmungen und Beteiligungen an dieser industriellen Entwicklung. Ja, ist er nicht eigentlich auch der Konkurrenz überlegen? – Sehen Sie mal, der Mann ist auf seine Art genial; der hat sich seinen Staat im Staate geschaffen. Kohlen und Kali holt er sich aus eigenen Bergwerken, den Kalk aus eigenen Brüchen. Das Eisen schwimmt ihm aus Schweden und Spanien rheinaufwärts zu und er verhüttet es in seinen Hochöfen; er walzt, reckt und streckt, gießt und hämmert es, wie es all die Spezialwerke verlangen, die zu seinem Riesenbetrieb gehören. Der Mann macht ja alles, was es an Eisen und Stahl gibt; von den gewaltigsten Platten, Röhren und Trägern an bis zu den scharfgeschliffenen Messern, Scheren, Nägeln, Drahtstiften und feinsten Nadeln; dabei legt er Wasser- und Gaswerke an und seine Elektrizität treibt Motore und Straßenbahnen und erleuchtet ganze Ortschaften. In dieser Vielseitigkeit liegt sein Ehrgeiz und zugleich sein geschäftlicher Vorteil. Wie ist der Mann erst neuerdings geradezu vernichtend in die alten Arbeitsgebiete der Kleinindustrie in Südwestfalen eingebrochen; wie schimpft man über ihn in Remscheid und Limburg und wo nicht überall sonst noch!“
„Draußen am Lohberg steht sein neues Elektrizitätswerk, Exzellenz; im vorigen Jahr haben sie nach Kali gebohrt, und auch damit hatte er Glück. Anderen versäuft solch Bergwerk mal, ihm nicht. Es fehlt nur noch, daß er auch Kriegsschiffe und Luftkreuzer baut!“
„Ahlfers, da hilft kein Lamentieren“, sagte Bredenkamp und reckte die mächtige Gestalt in die Höhe. „Der Mann steht fest in seinen Schuhen. Erst habt ihr alle hier eure Aussichten überschätzt, als er vor Jahren mit seinen Zechen und Werken euch immer näher rückte. Da hörtet ihr förmlich schon das Geld in der Tasche klimpern; ihr seid ihm mit offenen Armen entgegengekommen und habt ihm euer Land geradezu angeboten. Er hat es im Anfang viel zu billig bekommen. Der Mann ist schlau wie ein Fuchs und rücksichtslos wie ein Engländer. Er ist kapitalkräftig geworden durch seine vielseitigen Bankverbindungen und durch seine Genialität im Pumpen wie kaum ein andrer; die Regierung und auch die Banken, mit denen er in Verbindung steht, können ihn gar nicht zusammenbrechen lassen, wenn er sich in seinen Spekulationen und Neuanlagen wirklich mal vergreift, was ihm schon ein paarmal passiert ist; er darf eben einfach nicht zusammenbrechen. Das Unglück in der rheinischen Großindustrie und unter den Zehntausenden der Arbeiterbevölkerung würde zu groß werden. Das weiß der Schlauberger und deshalb spekuliert, gründet und fabriziert er unbeirrt weiter. Er weiß, daß in der Industrie die neuesten, größten und vielseitigsten Anlagen schließlich doch alle Konkurrenz umbringen, und ich muß leider sagen, ich glaube auch, daß ihm die Entwicklung zuletzt wohl recht geben wird. In zwanzig Jahren wird es am Niederrhein nur höchstens noch ein paar industrielle Konzerne geben und sicher wird der seine dazu gehören, wenn ihn sein unglaubliches Glück bei seiner Verwegenheit nicht verläßt. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Ahlfers, dann denken Sie nur an die vielen Konkurse der kleinen und mittleren Privatfirmen und an die Fusionierung und Zusammenlegung der Aktiengesellschaften und Aktien. Wie ist es denn aber mit eurem neuen Landrat, dem Grafen? Seid ihr eigentlich mit ihm zufrieden?“
„Aber ob, Exzellenz“, grinste Ahlfers. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: „Er ist noch nicht bei Broockmann gewesen, was doch alle Verwaltungsbeamten aus den ganzen umliegenden Kreisen immer gleich tun, sowie sie hierher kommen. Der hat wahrscheinlich selber Geld wie Heu. Und ist dabei noch Graf – na, da wird er sich wohl die Ehre überlegen, mit unserem Industriekapitän intim zu verkehren.“
„Sehen, Sie, Ahlfers“, sagte Exzellenz Bredenkamp und lachte gemütlich. „Da waren Sie nun mal nicht schlau genug. Gerade deswegen habe ich Ihnen ja den Grafen zum Landrat besorgt, weil er Geld hat und ein vornehmer Mann ist und auch, weil ich seinen harten westfälischen Schädel und seinen Rückhalt kenne bei euch Katholiken im Zentrum. Den wird eure liberal angehauchte Regierung hier nicht so leicht fallen lassen können, wenn er mal mit der Industrie Differenzen bekommt. Als Mann von Formen wird er mit jedem, auch mit dem Emporkömmling höflich umgehen, aber er wird Broock¬manns Gewaltmanieren schon entgegenzutreten wissen. Nun unterstützt ihn aber auch, wo ihr könnt, damit ihm die Sache Spaß macht. Das einzige, was ein vernünftiger Politiker tun kann, besteht darin, die Industrie vor einer Entwicklung zu bewahren, bei der ihr schließlich der Atem ausgehen muß; das heißt keine neue Ausdehnung ohne Sicherung des Absatzes – vor allen Dingen, im Interesse unserer Arbeiter, die sonst bei jeder Krisis auf der Straße liegen.“
Bredenkamp griff nach Hut und Stock und schüttelte Ahlfers die Hand.
„Ich muß gehen, alter Freund. Ihre Frau scheint noch nicht sichtbar zu sein; grüßen Sie sie schön von mir, auch Ihre Tochter. Was macht sie denn? Ist schon ein Schwiegersohn in Aussicht?“
Über Ahlfers Gesicht flog ein Schatten.
„Das Mädchen weiß selber nicht, was es will. Ein Ingenieur vom Walzwerk setzt ihr mächtig zu und möchte sie gern heiraten. Aber den Karl von drüben, der jetzt in Minden sein Jahr abdient und dann die Bahnhofswirtschaft übernehmen soll, den hat sie eigentlich lieber. Mich soll’s wundern, wen von den beiden sie schließlich nimmt.“
„Ich will ihr mal den Kopf zurechtsetzen, Ahlfers“, sagte Bredenkamp. „Natürlich muß sie den Karl nehmen, der sie schon so lange gern hat. Den Ingenieur werde ich mir gelegentlich mal darauf ansehen, ob er’s überhaupt ehrlich meint oder ob er nur an die Ahlfersschen Taler denkt. Das Mädel, das ich mit über die Taufe gehalten habe, wird doch noch Respekt vor mir haben. Sonst sage ich’s meiner Tochter. Der wird sie eher glauben als uns Alten.“
Im Fortgehen wandte er sich rasch nochmals um und fragte: „Nun sagen Sie nur schnell noch, Ahlfers, was hat es denn mit den Ausgrabungen auf sich, die hier im vorigen Jahr gemacht worden sind? Ich war gerade oben im Engadin, als ich einen kurzen Bericht darüber in der ‚Kölnischen‘ fand. Nachher kam’s mir aus dem Sinn; aber ich dachte wieder daran, als jetzt von verschiedenen Seiten der Gedanke an¬geregt wurde, unsere Altertümer durch ein Gesetz vor Raubgräberei zu schützen.“
„Das wäre gut, wenn’s das gäbe, Exzellenz“, knurrte Ahlfers. „Schöne Sachen sind hier gefunden, Ketten, Armbänder und Münzen und ein paar römische Schwerter. Na, der van Veersen hat nicht schlecht getobt, als er davon hörte.“
„Van Veersen, wieso?“ horchte Bredenkamp auf.
„Ach, davon wissen Sie nichts, Exzellenz?“
Ahlfers schluckte ein paarmal vor Empörung. „Van Veersen hat sein Land für die neue Straße Broockmanns durchaus nicht hergeben wollen, um keinen Preis. Erst als ihm mit der Enteignung gedroht wurde, gab er nach und strich das Geld ein. Es war ja ein Jammer um das schöne Land. Na, er mußte sich also fügen und bekam ein schönes Stück Geld dafür. Eines Morgens geht er an dem Land vorbei, auf dem das Korn hoch in Ähren stand. Schnurrig, wie er nun wohl immer ein bißchen war, steigt er auf einen Pappelbaum am Wege, um die ganze Fläche noch mal mit freundlichen Blicken zu übersehen, von der er sich hatte trennen müssen. Dabei gewahrte er in den Getreidefeldern lange rechtwinklige Linien, die wie Grundrisse von Gebäuden anzusehen waren, deutlich erkennbar durch die bleichere Färbung des Getreides. Broockmann hat diese Linien sogleich ausbaken lassen, und als das Korn abgeerntet war, wurden unter den Augen von Gelehrten aus Bonn den Linien entsprechende Gräben gezogen, und man fand die Grundmauern eines römischen Landhauses und die vielen Altertümer.“
„Ja, wir müssen doch wohl ein Gesetz dafür haben, das der Willkür des Einzelnen Grenzen zieht, wenn es sich um Funde handelt, die von wissenschaftlichem Wert sind“, sagte Bredenkamp. „Aber interessant ist die Sache. Denken Sie mal, auf wie altem römischen Boden wir hier stehen und sind doch echte Germanen. Unser Ort war sicher ein vorgeschobener römischer Posten; die Grundmauer von meinem alten Turm auf dem Kastell soll ja auch römischen Ursprungs sein. So haben wenigstens die Bonner Archäologen immer behauptet.“
Bredenkamp verabschiedete sich nochmals von Ahlfers und ging dem Städtchen zu. Es hatte ihm Spaß gemacht, mit dem alten schlauen Wirt zu sprechen, der im allgemeinen nie Partei nahm und es mit keinem verderben wollte, vor allem nicht mit der allmächtigen Großindustrie, der aber seinem alten Schulfreund stets die volle Wahrheit sagte. Er hörte so mancherlei, was in seiner Gaststube geredet wurde, wo die Grundstücksankäufe des allgewaltigen Broockmann gewöhnlich zum Abschluß gelangten.
Bredenkamp profitierte fortgesetzt von seinem schlauen Schulkameraden, der im praktischen Leben außerordentlich gut Bescheid wußte. In Berlin wunderte man sich oft über seine vielseitigen intimen Kenntnisse des wirtschaftlichen Lebens am Niederrhein, ohne die Zusammenhänge zu kennen. Während die anderen Herren allsommerlich ihre Erholung in Bädern, Weltkurorten, an der See oder im Gebirge suchten, verschwand Bredenkamp in seiner kleinen Stadt, lebte wie ein schlichter Bürger und lernte all ihre Sorgen und Nöte kennen, als sei er ihnen nie fern gewesen. Und gerade hier im Westen schien ihm die geistige und wirtschaftliche Entwicklung besonders interessant.
Er gehörte zu den Männern, die die kleinsten Tatsachen des praktischen Lebens beachteten, die aus jeder Blume Honig zu saugen wußten, und die auch für das öffentliche Leben den Grundsatz vertraten: „Wissen, Bescheid wissen ist Macht.“ Zugleich war er bei beiden Konfessionen gut gelitten, kannte ihre letzten Tendenzen und hatte sich stets bemüht, ihnen gerecht zu werden, als Mann des Opportunismus, der mit beiden als festen gegebenen Größen rechnete.
Das fortgesetzte Ringen miteinander hatte sie seiner Meinung nach gerade am Rhein vor Verflachung bewahrt und das Christentum bei beiden stark, lebendig und opferfreudig erhalten. Nirgendwo sonst im Deutschen Reich schien ihm der Kampf um die letzten Dinge, um Religion und Weltanschauung nachdrücklicher geführt zu werden als hier am Niederrhein. Es wehte eine frische Luft; bei der temperamentvollen Veranlagung der Menschen focht man mit Hingebung und Leidenschaft.
Wie es wohl dem Doktor von Agg hier gefallen würde? Der kämpfte noch mit Beharrlichkeit um das Reichstagsmandat im Nachbarkreis und rang hart um den Sieg. Ob er Aussichten hatte, war jetzt noch nicht zu übersehen. Eigentlich wäre es ganz hübsch, wenn Agg sich von den Anstrengungen der Wahl in Rheinstaden erholte. Bredenkamp, der auch als Vater einer erwachsenen Tochter den klugen Politiker und geschickten Taktiker nicht verleugnete, lächelte vergnügt. Renate würde von diesen Gedanken und Plänen nichts erfahren dürfen. Merkwürdig, wie ablehnend sie sich gegen Agg verhielt. Sie wußte wohl ebensowenig, was sie wollte, wie die Tochter von Ahlfers.
Die Häuser der Stadt rückten näher. Mit dem Ausdruck eines listigen, unternehmungslustigen Schuljungen schaute Bre¬denkamp aus, ob er nicht irgendwo ein bekanntes Gesicht erblickte. Die dunkelgetönten Kinder, die hier und da umherspielten, gefielen ihm nicht; er erkannte sofort mit Unbehagen, daß sie neuzugezogenen Arbeitern aus dem Osten gehören mußten; auch die großen neuen Häuser mit den modernen Läden mochte er nicht leiden. Aber als er am Rotbach ankam, der die Altstadt umfließt und von der Neustadt scheidet, und als er die kleinen schmalen Häuschen am jenseitigen Ufer erblickte, da leuchtete die Kinderfreude in seinen Augen auf.

Der Rotbach

„Du lieber Rotbach“, dachte er, „wie oft haben wir unsere Schlachten auf dir, in dir und an dir ausgefochten. Wie war es doch schön, wenn wir in die Kufen sprangen und mit Stangen uns vorwärtstrieben, daß die Kufen aufeinanderprallten, umfielen und wir pitschnaß wurden. Ob die Jungen wohl auch heute noch so famose Wasserschlachten lieferten? Auch unsere Zukunft lag schon auf dem Wasser; sicher aber unsere Jugendseligkeit.“ Die Kufen liehen sie damals vom Juden Motje, einem kleinen Krämer, dem sie Schnaps dafür bringen mußten. Natürlich hatten die Schlauberger ihn verdünnt und sich als die besseren Geschäftsleute erwiesen. Bei den großen Quantitäten, die Motje immer verlangte, blieb ihnen ja schließlich auch nichts anderes übrig.
Bredenkamp ging über die Brücke, links am Rotbach entlang, an den schmalen kleinen Bürgergärtchen vorbei. Vor der niedrigen Tür eines windschiefen, schon recht baufälligen Häuschens sah er den alten Weber Mixken Büscher stehen. Das schlohweiße Haar hing ihm wirr um den Kopf, und die Brille saß auf der äußersten Nasenspitze. In der linken Backe steckte das Priemchen, und im rechten Mundwinkel hatte er die Pfeife zu hängen, die er auch an ihrem Platze ließ, als er Bredenkamp erkannte und auf ihn zuschlurfte. Der schüttelte ihm kräftig die Hand und ließ sich erzählen, wie es ihm ergangen war. Der Alte klagte, das Weben lohne sich nicht mehr; die großen Läden verdürben ihm das ganze Geschäft. Dabei spähte Bredenkamp in den mit ungleichen Kopfsteinen höckrig gepflasterten Gang des Häuschens hinein bis zum Herd, auf dem früher für die Kühe Futter gekocht wurde. Links vom Gang befand sich noch das einzige Zimmer, wo sie als Jungen neben dem Webstuhl auf der hölzernen Bank gesessen hatten, heimlich Schach spielten und Zigarren rauchten. Er schmunzelte in der Erinnerung an all die Streiche, die hier ausgeheckt worden waren und bei denen nicht selten der komische Weber der Leidtragende gewesen war.
Unmittelbar neben dem Weber wohnte der Korbmacher. Dessen Haus war etwas größer; es besaß zwei Stuben und einen breiten Gang, in dem die Weiden lagen. Wenn sie naß waren, dann hatten die Knaben oft beim Abziehen des Bastes geholfen und sich dafür zur Belohnung Flöten schneiden und das zwischen den Weiden befindliche Bittersüß mitnehmen dürfen.
Dem Korbmacher, einem verschrumpelten grauen Männchen mit krummen Beinen, fielen seine Sorgen ein, als er Bredenkamp kommen sah. Sein Ältester war zwölf Jahre in Wesel Unteroffizier gewesen; nun wollte der Junge weiter und wußte nicht wohin. Das trug er der Exzellenz vor, mit dem nötigen Respekt, aber doch mit dem Unterton: „Du hast als Junge hier so oft deinen Spaß gehabt, das hast du hoffentlich nicht vergessen und bist dankbar dafür.“
Und Bredenkamp zeigte sich der Situation gewachsen. Er beruhigte das aufgeregte Männchen und versprach ihm, für den Jungen zu sorgen. „Ich nehme ihn vorläufig in mein Ministerium als Kanzleibeamten, und wenn auch soundso viele vorgemerkte Konkurrenten deswegen noch ein Weilchen warten müssen. Er stirbt als Geheimrat geradeso wie ich, Meister, darauf können Sie sich verlassen.“ Er ließ den Erstaunten stehen, der hinter ihm her schmunzelte und bei sich dachte: „Er war als Junge schon ein Teufelskerl und kriegte alles fertig; er wird unseren Wilhelm gut zu Platz bringen.“

Der jüdische Friedhof

Bredenkamp ging fröhlich weiter. Die Erinnerung an seine Knabenzeit sah ihn aus allen Ecken und Winkeln mit freundlichen, liebevollen Augen an. Er ging auf vertrauten Wegen am Rotbach entlang, um den alten Judenkirchhof herum, der eine Insel im Bach bildete. Wohl zwanzig und mehr Generationen der Juden des Städtchens lagen hier auf engem Raum übereinander begraben. Die dicht aneinander gerückten Gräber bildeten einen einzigen hohen Hügel, der wie ein Hünenbett aus der Steinzeit anmutete, nur daß hier alles mit Busch- und Baumwerk dicht bestanden war. Es war ein Vogelparadies, in dem Bredenkamp als Junge so manches Ei für seine Sammlung aus dem Nest geholt hatte. Die ganze Sammlerfreude der Knabenzeit war in ihm aufgewacht, als er vom Judenkirchhof zum Kastell hinüberging. Freudigen Herzens sah er auf dem Turm zu seinem Empfang die Fahne im Winde flattern. Er war daheim.