Leid in Liebe Wandeln – Briefe der Familie Pfaff

EINLEITUNG

Publizierte Briefwechsel haben eine ganz besondere Bedeutung als historisches Quellenmaterial. Denn Briefe geben nicht nur zeitgeschichtliche Fakten wieder, sie sagen gleichzeitig auch viel über den Charakter des Schreibers sowie über den Empfänger und über das Verhältnis des einen zum andern aus. Das gilt vor allem, wenn beim Abfassen der Briefe nicht an eine spätere Veröffentlichung gedacht wurde. „Die Bürgerliche Briefkultur des 20. Jahrhunderts ist ein weißer Fleck in der Forschung“, wird die Frankfurter Professorin für Zeitgeschichte Marie-Luise Recker zitiert.
Unter den hier erstmals vollständig publizierten Briefen der Wolfenbütteler Familie Pfaff aus den Jahren 1943–1945 stehen die Feldpostbriefe des Sohnes Peter im Mittelpunkt des Interesses. Sämtliche Mitglieder der Familie Pfaff, Mutter, Vater und Sohn (einziges Kind), waren während des Zweiten Weltkrieges Angehörige der Wehrmacht und schrieben Feldpostbriefe: der Vater (im Zivilberuf Mathematik-Lehrer an einem Gymnasium) als Reserve-Offizier, die Mutter (Klavierpädagogin) als Rot-Kreuz-Schwester in einer Heeresbetreuungsabteilung und der Sohn Peter als Kriegsoffizieranwärter.
Der Chirurg, Schriftsteller und spätere Pfarrer Hans Graf Lehndorff (1910–1987) hat bereits 1964 eine – allerdings subjektive – kleine Auswahl aus einigen Briefen Peter Pfaffs erstmals publiziert. Im Vorwort zu dieser Ausgabe schrieb der Herausgeber Graf Lehndorff:
„Das Land, aus dem diese Briefe kommen, kann man nicht anders als mit Ehrfurcht betreten. Es ist die zeitlose Welt einer klaren, tiefempfindenden, mit reichen Gaben ausgestatteten Menschenseele, der das Glück zuteil geworden ist, in ein von Liebe und mitmenschlicher Verantwortung geprägtes Milieu hineingeboren zu werden und sich darin entfalten zu können.“
Peter Pfaff fiel im Alter von 19 Jahren an der Ostfront in Lettland. Ein Leben wurde ausgelöscht, bevor es eigentlich begonnen hatte, doch hat dieser junge Mann ein Vermächtnis hinterlassen, das seine Lebensjahre überdauert.

Was ist das Besondere dieser Briefe?

Die Briefe zeigen das Ringen eines früh vollendeten Abiturienten mit den ihm begegnenden Menschen in einer bereits zusammenbrechenden Epoche gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Briefe schildern auch, wie der feinfühlige 18 Jahre junge Mann direkt nach dem Abitur im April 1943 aus der heilen Welt seiner Familie und seiner Freunde herausgerissen wurde und zunächst vier Monate beim „Reichsarbeitsdienst“ (RAD) im fernen Litauen dienen mußte, bevor er dann zur Wehrmacht (Heer) nach Frankreich eingezogen wurde. Die Briefe zeigen die ungewöhnliche seelische Reife Peter Pfaffs, der gläubig und idealistisch ist, aber gleichzeitig die Menschen und die Verhältnisse seiner Zeit kritisch und distanziert betrachtet. Die Briefe zeigen einen zarten, empfindsamen, reinen jungen Menschen, der versucht, mit der rauhen Wirklichkeit des Soldatseins und des Krieges fertig zu werden, ohne seine Persönlichkeit und seine Ideale aufzugeben.
Das wichtigste Lebensziel Peter Pfaffs, der nach dem Krieg Medizin studieren und dann Chirurg und/oder „Seelenarzt“ werden wollte, war es, „Liebe auszustrahlen“ und zu empfangen, den Mitmenschen „ihr Herz aufzuschließen“ und den Weg zu Gott zu suchen.
Die Briefe fanden in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein unerwartetes Interesse und eine sehr positive Resonanz, so daß bald eine zweite und dann auch eine dritte Auflage notwendig wurden. Sie wurden als ein erschütterndes Dokument einer Generation bezeichnet, „die nicht wußte, daß sie so schrecklich mißbraucht wurde“.
Wilhelm Karl Prinz von Preußen (1922–2007), ein Enkel des letzten deutschen Kaisers, schrieb an Graf Lehndorff wenige Wochen nach Erscheinen der Erstausgabe:
„Lieber Hans. Selten hat mich ein Buch so bewegt wie die ‚Briefe des Peter Pfaff‘, die Sie mir in Godesberg in die Hand drückten. […] Bei aller Zartheit strömen diese Briefe doch eine überwältigende Kraft aus, und ich bin sicher, daß jeder, der sie in die Hand bekommt – ob Jugendlicher oder Erwachsener – etwas davon in sich aufnehmen wird und am Ende nicht mehr der gleiche ist wie zuvor. […] Ihr dankbarer Wilhelm Karl“
Die aus Aahof (Lejasciems/Lettland) stammende Schriftstellerin Dr. phil. Zenta Maurina (1897–1978), die 1945 aus ihrer Heimat vor der Roten Armee nach Schweden flüchtete, schrieb aus Uppsala an Ella Pfaff:
„Sehr geehrte, liebe Frau Pfaff! Die Lektüre dieses sehr stilvoll herausgegebenen kleinen Bandes hat mich tief berührt, daß ich meine Arbeit unterbreche und Ihnen gleich ein paar Zeilen schreiben will. Mein erster Gedanke: Es waren die Besten, die aus edelstem Holz geschnitzten, die aus dem Felde nicht heimkehrten, daher ist unsere Zeit so dürr und verdürftigt. Die Wunde, die ein so tiefer Verlust schlägt, heilt nicht zu und dennoch müssen wir weiterleben, d. h. lieben und wirken, noch intensiver lieben, um im Sinne der Dahingegangenen zu leben. Die Briefe Ihres Sohnes sind wie die zarten Frühlingsblumen – Narzissen und Krokusse –, die die Kraft besitzen, die harte Wintererde zu durchbrechen, ohne den Hauch und Schmelz ihrer Schönheit zu verlieren. […]. Dieser kleine Band umschließt ein unverrückbares Ethos und jene Schönheit, die menschliche Bindungen gewinnen, wenn sie in einer höheren Welt verankert sind. Daß Ihr Sohn in Lettland, unweit von Prekuln beigesetzt ist, bewegte mich ganz besonders. Nach Prekuln bin ich oft mit meinem Vater gefahren, wenn er als Kreisarzt dort amtlich zu tun hatte. […]. Mit vielen Grüßen Ihre [gez. Zenta Maurina]“

Wie kam es zur Erstausgabe der Briefe?

Im Jahre 1963 lernte der aus Ostpreußen stammende Graf in seinem Haus in Bad Godesberg die Klavierpädagogin Ella Pfaff aus Wolfenbüttel kennen. Frau Pfaff übergab dem Grafen maschinengeschriebene Abschriften der Feldpostbriefe ihres im Kriege gefallenen einzigen Kindes zum Lesen. Graf Lehndorff schrieb daraufhin an Frau Pfaff:
„Verehrte gnädige Frau! Sie haben mir die Briefe Ihres Sohnes, Ihres einzigen, einzigartigen Kindes geschenkt! Ich hatte Ähnliches schon immer erhofft, seit mein Buch erschienen war und die Seiten 255–59 gelesen wurden. Lange schwankte ich, ob ich sie mit veröffentlichen sollte, tat es dann auf Zureden eines objektiven Menschen, den ich um Rat fragte. Aber nun erst bin ich gewiß, daß es recht war. Ich habe die Briefe gleich gelesen und lasse sie mit mir gehen. Es ist eine vertraute Welt, und doch betritt man sie mit Ehrfurcht. An ihr teilhaben zu dürfen, ist schon Geschenk genug. Festhalten kann man sie nicht. Aber ich darf wohl gewiß sein, daß auch Ihnen der Trost zuteilgeworden ist, in dem die Flamme des Schmerzes weiterbrennen darf ohne zu zerstören und ohne sich zu verbrauchen, vielmehr lebenspendend da wo etwas sterben will. Für Ihr Vertrauen dankend grüßt Sie in Ergebenheit Ihr Gf. Lehndorff.“
Drei Wochen später schrieb Graf Lehndorff einen weiteren Brief an Frau Pfaff:
„Verehrte gnädige Frau! Wollen Sie es bitte recht verstehen, wenn ich mich heute noch einmal an Sie wende. Sie können selbstverständlich sofort abwinken – wenn ich binnen 8 Tagen keine Antwort von Ihnen erhalte, will ich das als Absage auffassen. Aber es macht mich einfach unruhig, daß ich diesen Reichtum, den Sie mir mit den Briefen Ihres Sohnes anvertraut haben, für mich behalten soll. Jeden Tag denke ich daran und überlege, ob und wie ich Ihnen mein Anliegen unterbreiten soll. Aber nun will ich nicht länger zögern: Ich finde es notwendig daß die Menschen mehr von dieser sauberen Welt wissen. Was werden heute alles für schreckliche Dinge geschrieben und empfohlen und mit was für Schmutz wird die Vergangenheit beworfen. Aber nicht nur das – es geht von diesen Briefen eine Heilkraft aus, und die sollte nicht ungenutzt bleiben. Sie wird einfach gebraucht. Meine Frage können Sie sich denken: Wären Sie bereit, die Briefe für einen Druck freizugeben? Natürlich unter der Voraussetzung veränderter Namen und sonstiger Hinweise. Oder ist daran garnicht zu denken? Sie könnten ja den ‚Erlös‘ von vorneherein für eine große Sache im Dienst am Menschen zur Verfügung stellen. Ich habe – außer mit einer uns befreundeten alten Dame – noch mit keinem Menschen über diesen Plan gesprochen und will es auch nicht, ehe Sie sich dazu geäußert haben. Ich würde die technischen Dinge in die Hand nehmen, sodaß Sie – abgesehen vom Urheberrecht – nichts damit zu tun haben brauchten. Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, verehrte gnädige Frau, und nehmen Sie sie als das was sie ist: ein Zeichen großen Beschenktseins. In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie Ihr ergebener [gez.] Lehndorff“.
Bereits ein Jahr nach Erscheinen der ersten Ausgabe bereitete Graf Lehndorff die zweite Auflage vor. Er nahm aber einige Änderungen und Kürzungen an den Briefen vor, besonders von Formulierungen, die die ungewöhnlich enge Beziehung Peter Pfaffs zu seiner Mutter zeigen. Graf Lehndorff unterließ es aber, diese Streichungen im Text zu kennzeichnen. Er schrieb an Frau Pfaff:
„Verehrte Frau Pfaff! […] Ich bin gerade dabei, auf Wunsch des Verlages und mancher Leser, die mir direkt geschrieben haben, die Briefe für eine zweite Auflage etwas zu ‚redigieren‘, d. h. die allzu persönlichen Stellen zu neutralisieren, was doch wohl nötig ist, weil die Menschen sich die außerordentliche, nur durch Liebe zu überstehende Situation der damaligen Zeit eben doch nicht vorstellen können und deshalb die große Zärtlichkeit nicht richtig verstehen. Diese ‚Kritik am Rande‘ wird auch zu Ihnen gedrungen sein, und Sie werden deshalb – dessen bin ich gewiß – meiner Bemühung zur Eliminierung der Störungsfaktoren der genannten Art in Gedanken zur Seite stehen. […] Mit herzlichen Grüßen empfiehlt sich Ihnen Ihr sehr ergebener [gez.] Lehndorff.“

Gründe für eine vollständige Ausgabe der Briefe

Der erste Eindruck beim Lesen – der nicht „redigierten“ Fassung – dieser Briefe von Peter Pfaff ist ihre ungewöhnlich lebendige und anschauliche Sprache. Man fragt sich, ob es wirklich Briefe eines noch nicht Zwanzigjährigen sind. Beim Lesen wird aber auch deutlich, welche Bedeutung die Atmosphäre des Elternhauses für diesen jungen Mann gehabt haben muß. Hier wurde Peter Pfaff die Möglichkeit gegeben, über seine jungen Jahre weit hinaus zu reifen, um sich mit den chaotischen Zeitumständen wie auch mit seinen eigenen Schwächen auseinanderzusetzen. Leider geben uns die drei Auflagen des Buches von Graf Lehndorff gerade über den familiären Hintergrund und die Biographie des jungen Mannes keine Auskunft. Dies machte den Herausgeber der jetzt vorliegenden Gesamtausgabe neugierig. Er ermittelte den Wohnort der inzwischen erloschenen Familie in Wolfenbüttel und lernte Freunde der Familie und Schülerinnen der Mutter von Peter Pfaff kennen. Ella Pfaff wirkte dort als Pianistin und Musikpädagogin (das Wort „Klavierlehrerin“ mochte sie nicht). Der Her¬ausgeber staunte, welche Ausstrahlung und Bedeutung „Tante Ella“, wie sie meist respekt- und liebevoll genannt wurde und noch heute wird, auf ihre Freundinnen und Schüler(innen) auch heute noch, fast 20 Jahre nach ihrem Tode, hat. Er erkannte auch, daß die Briefe Peter Pfaffs ohne Kenntnis der noch erhaltenen Briefe der Mutter und seines Vaters nicht verständlich sind. Und er mußte erkennen, daß die inhaltsreichsten Briefe bisher nicht publiziert wurden.
Vergleicht man die bisher gedruckte Auswahl an Briefen mit den hier erstmals publizierten Dokumenten, fällt auf, wie subjektiv die Auswahl von Graf Lehndorff und der damals noch lebenden Mutter Peters vorgenommen wurde. Peter versuchte in den Briefen an seine Mutter diese möglichst zu schonen und nur Positives zu berichten. Er schreibt dazu in einem bisher nicht publizierten Brief an seine Lieblingstante:
„… eben kann ich Mutti nur die positiven Seite meines Lebens erzählen, muss ihr Stütze, ein Trost sein und kann sie nicht mit meinem Kummer noch Belasten. Sie muss ihren Sohn immer glücklich wissen.“
Während Peter deshalb in den Briefen an seine Mutter fast wie ein bewundernswerter Heiliger erscheint, begegnet er nach dem Studium sämtlicher erhaltener Briefe (auch der an seinen Vater, an dessen Schwester und an seinen besten Freund) dem Leser mehr als ein angefochtener, suchender Mensch, der dem Leser dadurch viel näher kommt. Während der zwei Jahre, die seine Briefe spiegeln, verliert Peter seine Kindheit, ohne sich von seinen Idealen und von seinem christlichen Glauben zu entfernen.

Peter Pfaff

Aus den Briefen:

Brief von Peter Pfaff an seinen Vater

13.1.1944
Lieber Vater!
Ich habe so oft innerlich geschluchzt, daß so lange kein Brief, kein Wort, kein Wischchen zu mir kam. Und manchmal packte mich das Fernweh nach Dir so, daß ich einfach einen kleinen Tränenwisch schrieb. Nur damit Du wußtest, Dein Söhnlein ist Dir nah.
Und heute abend kam nun der Brief, der langersehnte, auf meinen einsamen Fliegerposten. Ich habe noch nie solch großen, solch schönen Brief von Dir bekommen. – Ich bin dem lieben Gott so dankbar, daß er damals Dich als Vater für Peter Pfaff ausgesucht hat. Solchen Vater hat kein Knabe. Was wäre aus mir geworden, wenn Du mich nicht in alle Lebensfragen hineingeführt hättest? Wenn ich nicht durch Deine Liebe so ein dickes Elefantenfell bekommen hätte, um das wirkliche Leben zu bestehen? Du mußt nicht denken, ich würde Mutti in ihrer Wirkung auf mich unterschätzen. Nein, ich weiß so gut, was sie mir an innerer Wärme gegeben hat. Aber das produktive Leben hast Du in mir angeregt.
Dein Brief hat mich so beschämt, so auf mich selbst zurückgeworfen. Denn über alle die Fragen, die Du schriebst, habe ich überhaupt nicht mehr nachgedacht, obwohl ich Sehnsucht danach hatte, endlich einen sicheren Fuß, eine endgültige Klarheit zu gewinnen. Warum? Wenn ich an den „lieben“ Gott dachte, an das grauenvolle Geschehen im Osten, in unseren Städten, an Dich, an Mutti, dann brach in mir alles zusammen, und ich war den ganzen Tag so tief traurig. Nichts wollte mir gelingen. Ich wurde im Dienst ein nachlässiger Träumer. So kam in mir ein furchtbarer, ganz unproduktiver Haß auf. So ging es nicht weiter. Und anstatt mich nun bewußt zu einer Entscheidung, zu einer inneren Befriedigung durchzuringen, das Warum zu lösen, gab ich das Rennen auf, war feige und zog mich zurück. An nichts dachte ich mehr. Wenn ich abends die Nachrichten hörte, dann lachte ich mit den Anderen darüber hinweg. Ich meisterte die Last des Lebens so, wie die meisten Soldaten tun: mit Oberflächlichkeit.
Und zur selben Zeit rasten die dicken Bomber über uns hinweg und bringen über unser Deutschland Tod um Tod! Und wie manche Mutti verliert in den Nächten ihr einziges Söhnlein, das sie vielleicht genau so lieb hat wie unsere – –. Aber das wagte ich mir nicht vorzustellen. Zu feige. Scheußlich!
Dieses lange Vorgestöhn mußt Du erst anhören, um ganz zu verstehn, wie tief mich Dein Brief berührt hat. Wie er mir aus dem mir selbst so fremden Leben herausgeholfen hat. Wie schön, daß ich gleich hinterher auf Posten zog, ganz allein, und mich darauf besinnen konnte, was Du mir da alles gesagt hast.
O wie gut hat mir der Ruf getan: Siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht? Du fragst nach dem lieben Gott, nach dem Warum, suchst die große, alles lindernde Kraft zu finden, und dabei stoffelst Du jede Nacht ganz nah an den Sternen, dem Wald vorbei, siehst zur genau festgestellten Stunde die Sonne aufgehen, siehst die Blätter neu wachsen und hörst jedes Jahr die Vögel ihren Lockruf piepsen. Was zweifelst Du da noch?
Und plötzlich sah ich die Welt mit neuen Augen! Alles das wurde mir an geheimen Quellen offenbar, was das Alltägliche mir versperrt hatte. Und in dieser Stunde habe ich mir geschworen, mein Leben neu zu gestalten. Aber kennst Du das, man hat immer eine geheime Angst, daß es nur ein heiliger Wunsch ist, der genau so verfliegt, wie diese Nacht wieder zum Tag wird. Denn wie oft habe ich schon versucht, neue Wege zu gehen, aber immer wieder bin ich in den alten Trott gekommen. Und wenn ich mein kleines Leben betrachte: gibt es da eigentlich ein Aufwärts? Ein Höherkommen, ein Reifwerden?
Ich glaube, es ist das gleiche, wenn man die Frage stellt: „Gibt es einen Fortschritt in der Menschheit?“ Auch bei sich selbst, dem Einzelnen, kommt man zu dem Ergebnis, daß nur die äußerliche Gestaltung fortgeschritten ist. Aber im Grund muß man doch auf derselben Bahn bleiben, die einem das Schicksal festgelegt hat. Du hast Recht, es gibt in jedem Gebiet dieser Welt Gesetze, die das Leben begrenzen. Aber trotzdem, ich glaube, das ist das Große an der menschlichen Schöpfung, daß wir als einzige Wesen die Möglichkeit haben, unsere vorbestimmte Bahn bis zu gewissen Grenzen zu verlassen, nach der guten und schlechten Richtung, durch Kräfte, die in uns ruhen. „Freiheit des Geistes“ haben es manche genannt. Es ist so schwer, Vater, als Pünktchen – im Weltall aufzugehen, man möchte immer als etwas besonderes angesehen werden. Man möchte den Flug ins Unendliche antreten, frei von allen Fesseln sein. Aber immer wieder geht es grausam in dich selbst zurück. Jeder junge Mensch hält sich für den Menschen, den Kerl, und doch, ich glaube, erst wenn der Fronteinsatz im Osten kommt, dann weißt du, dann lernst du: ich bin ein Pünktchen.
Aber diese Schule muß ich erst durchmachen, um meine Jugend zu überwinden, um zu Deinen Gedanken zu kommen.

Ella Pfaff

Brief von Ella Pfaff an ihre Verwandten

[Solingen] 9. Sept. [1944]
Ihr Geliebten!
Jetzt habe ich Euch wenigstens erstmal gesprochen, und Ihr seid beruhigt, daß ich lebe. Ob ich alles so berichten kann, weiß ich noch nicht, nur versuchen will ich’s.
Wir hatten ab Sonnabend [2. 9. 1944] ein ständiges Hin- und Her:
Das Heim ist sofort zu schließen. Das Heim ist 100 % offen zu halten. Befehl vom Inselkommandant: Die beiden Schwestern müssen sofort
weg. Befehl vom Hafenkommandant: Die beiden Schwestern bleiben
vorläufig. Das Heim ist geschlossen. Befehl vom Festungskommandanten: Die Schwestern bleiben als Rote Kreuz-Krankenpflegerinnen = Geheimbefehl. Werden sie von den Engländern gefangen, werden sie als RK.-Schwestern nicht interniert, sondern wieder ausgetauscht.
Montag190: Befehl vom Führer und Seiß-Inquart: Alle weiblichen Wesen haben sofort Holland zu verlassen.
Sondertelefonanruf: Schwester Ella Pfaff, sofort auf 14 Tg. Urlaub in die Heimat, da der Sohn, laut Telegramm an die Gebietsführerin, ab 9.–20. [September] Einsatzurlaub hat.
Es war alles gleich, das ganze Hin und Her, wir mußten beide Hals über Kopf packen, schweren, schwersten Abschied nehmen und fort von der geliebten Insel De Beer und unseren guten Kameraden. In Hoek v. H. gaben wir unsere Koffer auf, die wir nicht tragen konnten. Bis Schiedam (ich schreibe alle Orte genau, da Ihr vermutlich auf der Karte verfolgen werdet) fuhren wir alle 2. Kl. und dachten: Na ja, es reist ja auch weiter keiner; denn die Wehrmacht muß ja standhalten. In Schiedam wollten wir in den Zug nach Utrecht. Unmöglich, Strecke blockiert (von den Terroristen) und bombardiert (von den Engl.). Einzige Möglichkeit: über Amsterdam. Der Zug war wahnsinnig voll, wir standen nur auf einem Bein, unsere Handtaschen hochhaltend. Stundenlang. Aber es ging noch. In der Dunkelheit – der Zug fuhr seltsam langsam – kamen wir in Amsterdam an. Schw. Inge und ich trennten uns schweren Herzens. Sie mußte sich laut Marschbefehl erst noch in Hilversum stellen. Wo sie abgeblieben ist, wer weiß es! Meine Rettung war der Urlaubsschein, durch den ich ohne Hilversum weiterfahren konnte. In Amsterdam wurde es Nacht und nirgendwohin wurde ein Zug gemeldet. Schließlich hörte ich, auf einem außenliegenden Geleise ginge vielleicht ein D-Zug nach Berlin. Ich lief hin, es schien mir alles egal, wenn es nur „Richtung Deutschland“ hieß. Der Streifenoffizier sagte: „entweder auf dem Dach oder im Packwagen“. Schlucken meinerseits und dann: „Ja, es ist gut.“ Aber ich fand doch noch an der Tür eines D-Zugwagen-Ganges eine Möglichkeit zu stehen. Ach, denkt an den Packwagen! Nach einer Zeit sogar bot mir eine Holländerin einen Platz auf ihrem Koffer an. Ich merkte, es waren nur NSBer um mich, d. h. Deutsche National-Sozialistische Bewegung, die ins Reich wollten. Denn seit der Terror in Holland los ist, geht es über die NSBer schlimmer als über die Soldaten. Wir fuhren stundenlang und wieder langsam durch die Nacht. Ich druselte und träumte vom Wiedersehen mit Peter und Euch. Ein Schrei: Weihnachtsbäume! Der Zug hielt. Wir rasten hinaus in den Graben neben den Schienen. Dann kam der Tommy und schmiß Bomben. Er flog ab, ein längerer Atemzug – er kam wieder, er schoß mit Maschinengewehr, ich zog die Kapuze über die Ohren, hielt die Ohren zu, aber der Lärm war mörderisch. Neunmal kam der Tommy. Unsere Lokomotive brannte lichterloh, unser Packwagen (wahrscheinlich auch meine Koffer) verbrannte sowie der dahinterliegende Wagen. Wir lagen nach den neun Malen erst noch wie gelähmt. Und dann schrie es schon: „Wo ist die RK.-Schwester?“ Von da ab habe ich 8 oder 9 Stunden verbunden. Erst ohne Arzt, nachher kam ein holländischer guter, der nichts tun konnte als Morphium geben. Später wurden die Verwundeten ins Lazarett nach Apeldoorn geschafft. Der Beschuß war 2 Stunden hinter Ammersfort gewesen. Wir hatten 35 Tote, viel Verbrannte – aus dem Packwagen. Außer mir war nur noch eine holländische Schwester im Zug, die war sehr fein im Helfen. Um Mittag war unsere Lokomotive ausgebrannt und wurde abgekippt, und eine neue Maschine kam aus Ammersfort. Wir stiegen in unsere zertrümmerten Waggons wieder ein, Glassplitter, alles durcheinander. Wir waren sehr still. Es war nun hellichter Tag; wir starrten nur aus dem Fenster in die Wolken, ob sie wieder verderbenbringende Vögel brächten. Wieder der Schrei: „sie kommen!“ Ich sprang aus dem Fenster, lief umher (wobei die Uhren kaputt gingen) und lief mit irgendeinem holl[ändischen] Kind an der Hand in ein Wäldchen; wir lagen lange, und über uns war der entsetzliche Lärm. Unsere Lokomotive war wieder zerschossen; aber diesmal hatten wir nur Verwundete, keine Toten. Wir waren so voll Entsetzen, daß wir nicht mehr in den Zug wollten. Wir saßen nun und dachten uns alle Möglichkeiten durch. Ich war in einem Kreis prachtvoller Menschen. Schließlich sagte ich: „Wenn Ihr alle nun in Holland bleiben wollt, dann gehe ich zu Fuß, ich muß meinen Sohn sehen.“ Aber es waren noch 180 km, und ich hatte nur noch 2 Pakete Kunsthonig. Dann sagte auf einmal ein deutscher Major, er würde alles versuchen, Jäger zum Geleit für unseren Zug zu kriegen; es wäre ja eine Schande, daß man nichts täte für die Sicherung des Rücktransportes der Deutschen.
Ein Oberst in dem Transport versprach die Jäger, aber sie kamen nicht. Der Entschluß, zu gehen, wurde nun bei vielen fest. Aber wir mußten doch davon abstehen wegen der vielen Partisanen. Durch Verhandlungen erhielten wir eine dritte Maschine; der Streifenoffizier pfiff und schrie: „Rasch einsteigen!“, und plötzlich waren wir aller Überlegungen ledig, wir folgten wie die Lämmer und saßen wieder im Zug. Entsetzen: er fuhr uns zurück nach Ammersfort. Innerlich gaben wir das Rennen auf und dachten an Gefangenschaft. Aber es kam anders. Wir verhandelten mit einem deutschen Lok-Führer. Er fuhr nun mit uns los. Langsam, vorsichtig, fast konnte ein Radler nebenher radeln. Alle 10 Minuten längeren Halt, um zu horchen. Es war in dem langen Zug mit rund 2500 Menschen Totenstille. Wir waren nur ein Lauschen: Keiner hat in 50 Std. gegessen; ich habe auch nicht einen gesehen, der verschwinden mußte. Merkwürdig, wie alle Funktionen aufhören. Wir fuhren Richtung Zwolle, eine endlose Strecke. Wir sahen keine Landschaft, nur immer Gelände, ob wir da ranspringen und uns verstecken könnten. Entsetzlich ist überall entlang der Schienen der Stacheldraht. Einmal kam ich beim Laufen in eine Drahtschlinge, aber ich riß nur den Strumpf entzwei. Vor Zwolle: „Sie kommen!“ Wieder dasselbe. Immer dasselbe. 14 Jäger beschossen den Zug! Wir sind doch wieder eingestiegen; ich war auf einmal ganz ruhig und sagte: „Und ich sehe meinen Sohn doch noch wieder, und nun kommt nichts mehr.“ Von Zwolle bis Bentheim sind es 2 Stunden Fahrt. An sich. Wir fuhren 8 Stunden. Langsam mit Halt und wieder Halt und Starren und Lauschen. Um 5h morgens ein Wort: Deutschland! Das wird man nie mehr vergessen. Köln war Auffangstelle. Ich dachte: Nur noch bis Solingen und dann baden und schlafen. Telegraphierte an Peter: Wir haben uns wiedergesehen!!! Er muß am 20. fort.
Wahrscheinlich nach Frankreich.
Bis vor kurzem habe ich mich ausgeruht, ich habe keinerlei Verwundung, nur mein Magen war ein bißchen komisch, und das Gleichgewicht fehlte. Peter und ich sind selig.

Hans Pfaff

Hans Pfaff an seine Frau

[Narvik, 1943–1944]
Meine Fühlungnahme mit der norwegischen Männerwelt ist äußerst sparsam. Sie beschränkt sich auf einen Jungen, mit dem ich in sehr naher Freundschaft verbunden war, bis er eines Tages spurlos verschwand:
Gösta.
Ich lernte ihn auf eine für unsere Zeit charakteristische Weise kennen. An einem nebligen und regnerischen Septembertage beobachtete ich vom Fenster meines Dienstzimmers mit meinem wunderbaren Marineglas die Beladung des scheußlichen Schiffes Harvestehude mit Cement. Die Dienststelle liegt 100 m über dem Hafen. Von meinem Zimmer aus kann man den ganzen Hafen überblicken. Es ist fast unheimlich, wie nah plötzlich jeder Arbeiter, jeder Gesichtsausdruck und jede Tätigkeit durch diese technische Höchstleistung der Optik herangezaubert wird. Plötzlich sprang in das Gesichtsfeld des Glases ein schönes Menschenantlitz. Es schien zu einem jungen Mädchen zu gehören. Die Gestalt war in einen grauen Regenmantel mit Kapuze gehüllt. Sie starrte wie gebannt auf das Deck der Harvestehude. Auf dem Antlitz lag der Ausdruck einer verzweifelten, fassungslosen Trauer. Ich sah auf das Deck der Harvestehude, fand aber nichts, was mit dem Ursprung der Trauer in Zusammenhang stehen konnte.
Nach einer Stunde stand die Gestalt immer noch regungslos da. Nach einer weiteren Stunde stand sie direkt vor meinem Fenster meines Dienstzimmers in dem kleinen Vorgarten. Ich wurde nicht bemerkt, da ich im dunklen Hintergrund zu tun hatte. Ich sah, daß es ein Knabe von ungefähr 15 Jahren war. Er sah sehnsüchtig in das Fenster hinein. Als ich ans Licht trat, floh er, und ich konnte ihn nichts fragen.
Nach einer weiteren Stunde hatte ich im Telefon-Vermittlungsraum zu tun. Da stand der Junge wieder vor mir. In dem traurigen blassen Gesicht schimmerten zwei dunkelblaue Augen, in denen die leidenschaftliche Bitte um irgendeinen Gefallen zu lesen war. Die Telefonisten klärten mich auf. Der Junge hätte mein großes Glas gesehen und wollte es geliehen haben. Er müßte nach der Harvestehude sehen. Warum, sagte er nicht. Ich gab es ihm und stellte ihn an das Aussichtsfenster unseres Kasinos, von wo er nach Herzenslust gucken konnte. Ich sagte ihm, er solle das Glas bei der Vermittlung abgeben. Inzwischen ging die Harvestehude auf Reede und legte sich 500 m weiter fort vor Anker. Den Jungen hatte ich vergessen.
Als ich abends bei der Vermittlung nach dem Glas fragte, wußte man von nichts. Ich war entsetzt. Nicht so sehr wegen des Verlustes des Glases, als vielmehr deswegen, daß mich die Reinheit dieses schönen Knabenantlitzes so täuschen konnte. Für ein norwegisches Kind gilt Diebstahl als schwerstes Verbrechen. Etwas verstimmt machte ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung. Ich ging abseits des Weges am Fjord entlang. Die großen runden Steine, über die man springend hinwegturnen mußte, trieften vor Nässe. Als ich einen Augenblick ruhend stehen blieb, sah ich vor mir den Jungen mit dem Glas sitzen. Er saß da wie ein nasser verregneter Hase. Er saß triefend naß im Nebelregen auf einem nassen Stein. Er war so verwachsen mit der trüben Landschaft, daß der plötzliche Anblick mich gar nicht so überraschte. Er sah immer noch – nun schon 10 Stunden – wie gebannt durch das Fernglas nach der Harvestehude. Der Arm, der es hielt, war auf ein Knie gestützt. Der andere Arm machte mechanisch ab und zu eine winkende Bewegung mit einem nassen Taschentuch. Die Trostlosigkeit und der fassungslose Kummer dieses Jungen benahm mir den Atem. Ich blieb verzaubert stehen. Der Knabe sah mich nicht, ich war nicht in seinem Blickfeld. Auf dem Schiff stand einsam an der Reeling eine dunkle Gestalt: Ich konnte bei dem trüben Licht und der großen Entfernung nicht erkennen, ob sie dem Jungen zurückwinkte. Es schien aber so. Ich wußte, daß die Harvestehude für 20h den Marschbefehl hatte. Ich wartete, es war gleich so weit. Nach einiger Zeit ertönte das Rasseln der Ankerkette und das Heulen der Dampfpfeife. Da löste sich die stumme Trauer des Jungen. Er warf sich herum mitten zwischen die Steine. Seine Beine hämmerten verzweifelt auf dem Erdboden. Sein Gesicht grub sich in seinen Arm, der ganze Körper zitterte. Da sprang ich zu dem Kinde hin und nahm es in meine Arme. Ich sah in sein schönes Gesicht, das mich verständnislos, wie aus weitem Traum kommend, anstarrte. Ich sprach beruhigend auf den Jungen ein. Er verstand mich nicht, wohl aber den Ton. Er widersetzte sich meiner Umarmung und drückte sich – mit den Armen sich gegen mich stemmend – von mir ab. Gleichzeitig umklammerten mich hilfesuchend seine Hände. Er bog seinen Kopf zurück, und den offenen Blick gegen den grauen Himmel gewandt, begann sein Antlitz überströmend zu weinen. Er war ganz still, aber sein Mund weinte, und aus seinen Augen flossen Sturzbäche von Tränen. So weinte er, bis er gestillt war und erwachend und gelöst auf mich und das Glas sah. Die Harvestehude war nicht mehr zu sehen. Mit einem kleinen Schreck, dem ein schüchternes Lächeln folgte, gab er mir das Glas zurück. Ich nahm beides, Jungen und Glas, mit in meine Wohnung und erfuhr nach und nach das übliche Schicksal. Aus unbekannten Gründen wurde die Mutter des Jungen auf Befehl des S.D. in ein unbekanntes Lager, wahrscheinlich nach Südnorwegen gebracht. Die beiden Menschen, Mutter und Kind, hatten nichts als sich. Wie weit reicht der Arm des Führers – Da sitzt so ein kleiner Junge am Ufer eines entlegenen Fjords nördlich des Polarkreises und erlebt den ersten und größten Schmerz seines Lebens und weiß nicht warum. Wir freundeten uns sehr an. Er lernte bei mir mit großer Freude das Schachspiel. Bei der Kriegsmarinedienststelle wurde er als Laufjunge beschäftigt, bis er eines Tages den Weg der Mutter antrat.
(Ich lernte viel von der Klarheit und Schönheit dieses Kindes. Eines Tages war er verschwunden, spurlos. Alle Nachforschungen waren vergebens, ich habe ihn nicht wiedergesehen.)

Peter Pfaff um 1943

Peter Pfaff an seine Mutter

10. X. 44.
Meine Geliebte.
Es tut mir weh, daß ich dich nicht – wie sonst – mit kleinen Briefchen beglücken kann, sondern immer wieder dreckige loddrige Wische schicken muß. Aber Du weißt ja so gut, wie klar alles zwischen uns ist, daß in jeder Stunde das letzte Wort gesprochen sein kann. Nur ein Gefühl beherrscht mich immer: Du hättest Deiner Mutti noch viel, viel mehr sein können. Nimm meine vielen Gedanken als gute Taten hin, dann wird mein Gewissen reingewaschen.
Muttilein, diese beiden Tage waren schweres Erleben, aber denk, ich habe – so ernst es auch war – innerlich gejubelt, daß ich für Dich kämpfen durfte. Der Russe lag 80 m vor unserm Graben, die Panzer waren schon in unseren Linien. Wir schossen wie die Wahnsinnigen, ich mit meinem M.G. – und die Stellung war wieder in unserer Hand. Der Kompagnieführer saß bei uns im Loch. Ich hatte mit meiner Gruppe gerade den Gefahrenpunkt. Nachher bekam ich ein großes Lob – durch das ich nicht hindurch denken darf, denn mein zwangsläufiges Tun vermehrte ebenso zwangsläufig das Leid in der Welt.
Im langen Gespräch haben wir, der Chef [Kompaniechef] und ich, uns kennengelernt, Brot und Zigarette gemeinsam genossen wie ein Abendmahl. Die Nacht über blieb ich gleich bei ihm. Wir wußten nichts mehr als: nur schlafen. So gut hat man es noch im Leben.
Nach ein paar Tagen werden wir alle auseinandergerissen, keiner weiß im Grunde von dem andern, was er gelebt und geleistet hat. So bekommen wir heute wieder einen neuen Kompagnie-Chef.
Ob wir bald wieder unsern geliebten Briefwechsel haben können und ich von Dir und Deiner Arbeit erfahren werde? Gesegnet sei es, daß Du überhaupt lebst. Sag all unsern Lieben, sage Vater, wie glücklich ich bin. Endlich darf ich beweisen, was ich in 19 Jahren gelernt habe. Wenn es schwer, schwierig gefährlich wird, kann ich an Euch denken, das gibt mir neue Lebenswärme.
Von dieser Zeit schreibe ich Dir alles auf, in mein Tagebuch, Du sollst es später alles lesen. Nur jetzt mußt Du mit meiner puren Liebe vorlieb nehmen.
Geliebte, uns trennt kein Meer, kein Land, kein Schuß. Liebe gibts überall.
Ich bleibe immer
Dein treues dankbares Söhnlein.