Leben und Sterben des Dr. med. Manfred Oberdörffer

Leben und Sterben des Dr. med. Manfred Oberdörffer

Einleitung

Manfred Oberdörffer

»Er öffnete sein und des anderen Herz«

Wintersemester 1930/31, Universität München, Anatomiehörsaal der medizinischen Fakultät: zwei 20jährige, aber sehr unterschiedliche Medizinstudenten begegnen sich erstmals:

Der andere, Manfred Oberdörffer (1910–1941), ist ein Hamburger Kaufmannssohn, der wegen Veröffentlichungen von Gedichten von der Schule verwiesen worden war und sich deshalb seinen Lebensunterhalt vorübergehend als Tellerwäscher auf See und in Hafenkneipen verdienen mußte. Oberdörffers Vater war damals bereits tot und seine Mutter seit Jahren an Tuberkulose leidend. Lehndorff charakterisiert seinen Kommilitonen Oberdörffer: „blond, blauäugig, robust, kompromißlos . . . eine vulkanische Seele … Tiefe und Zartheit des Gefühls … ein ebenso genialer wie gefährdeter Mensch“ [Lehndorff 1980, 243–244].
Nach seinem Medizinstudium wurde Graf Lehndorff 1938 chirurgischer Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Insterburg/Ostpreußen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem drei seiner Brüder als Soldaten an der Front fielen, sein jüngerer Bruder und seine Mutter auf der Flucht in Ostpreußen von sowjetischen Soldaten ermordet wurden, sein Vetter als Verschwörer des 20. Juli 1944 gehängt wurde, war Graf Lehndorff noch bis 1947 in Ostpreußen unter fürchterlichen Umständen als Arzt tätig [Lehndorff 1961]. Nach seiner Ausreise nach Deutschland wurde er später Chefarzt der Chirurgischen Abteilung eines Krankenhauses in Bad Godesberg. Nach seiner Pensionierung wegen eines Augenleidens wurde er 1972 Krankenhausseelsorger in Bonn.
Lehndorffs Kommilitone Manfred Oberdörffer dagegen ging im Anschluß an sein Studium 1937 als Lepraforscher im Auftrag einer englischen Organisation nach Afrika und Asien, nachdem anläßlich des für seine NSDAP-Mitgliedschaft notwendig gewordenen Ariernachweises zu seinem großen Entsetzen ein Großvater jüdischer Herkunft ermittelt worden war. Später ging er dann – als Lepraforscher getarnt – als Geheimagent des Berliner militärischen Geheimdienstes („Amt Ausland/ Abwehr“, Chef: Admiral Wilhelm Canaris) nach Afghanistan, wo er afghanische Stämme im Grenzgebiet zum damaligen Indien (heute Pakistan) in ihrem Kampf gegen die Engländer unterstützen sollte.
Von den beiden sehr verschiedenen Kommilitonen (Graf Lehndorff vermeidet in seinen Erinnerungen den Terminus „Freund“ für Oberdörffer) starb der eine im Alter von 77 Jahren als ehemaliges Mitglied der Bekennenden Kirche, pensionierter Chirurg und Pfarrer in Bad Godesberg, der andere, der seinerzeit 31jährige Tropenarzt und überzeugte Nationalsozialist Oberdörffer, wurde trotz seiner teilweisen jüdischen Abstammung Mitarbeiter des deutschen militärischen Geheimdienstes in Afghanistan und wurde dort erschossen.
Lehndorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen, die genau 50 Jahre nach der ersten Begegnung der beiden Medizinstudenten in München und 40 Jahre nach ihrem letzten Zusammentreffen erschienen, daß das „stärkste Erlebnis meiner Münchener [Studien-] Zeit die Begegnung mit Manfred Oberdörffer“ gewesen sei [Lehndorff 1980, 241]. Diesem, schon ein halbes Jahrhundert zurückliegenden, „Erlebnis“ widmet er immerhin zehn Seiten in seinen Lebenserinnerungen. Warum? Graf Lehndorff besuchte wenige Wochen nach der ersten Begegnung seinen erkrankten Kommilitonen in einer Münchener Klinik „in einem großen Saal, und ich setzte mich an sein Bett. Dann vergaß ich Raum und Zeit und alles um mich herum. Denn zum ersten Mal in meinem Leben ergoß sich das Schicksal eines Menschen wie eine Lawine über mich, und ich kam mir vor wie ein leeres Gefäß, das einem Sturzbach standhalten muß“ [Lehndorff 1980, 242]. Dieses für Graf Lehndorff entscheidende Erlebnis der „Öffnung“ eines Menschen ihm gegenüber im Gespräch wiederholte sich danach noch mehrfach in seinem Leben, wie wir aus Lehndorffs Autobiographie wissen [Lehndorff 1980]: Menschen öffneten sich ihm im Gespräch, aber auch umgekehrt öffnete er sich anderen Menschen gegenüber. Einige für ihn wichtige persönliche Begegnungen, die Graf Lehndorff in seinen Lebenserinnerungen beschreibt, mögen dies nachfolgend aufzeigen:

Noch während seiner Studienzeit an der Universität Berlin lernte Lehndorff um 1932 Carl von Jordans (1884–1950) kennen, „einen Mann, der für mein Leben richtungsweisend geworden ist“. Lehndorff beschreibt ein Abendessen um 1932 bei Carl von Jordans in Berlin:
„Und als wir nach dem Abendessen im kleinen Kreis zusammensaßen, wurde mir plötzlich bewußt, daß ich derjenige war, der die ganze Zeit sprach. So etwas war mir unter älteren, erfahreneren Leuten noch nie passiert. Da ich aber feststellen konnte, daß niemand sich über mich lustig machte, ließ ich meinen Redestrom ruhig weiterfließen. Er kam einfach so aus mir heraus. So wie mir ist es vielen mit Herrn von Jordans gegangen. Er hatte die besondere Gabe, Menschen zu öffnen und zum Reden zu bringen“ […]. „Er hatte keine Vorurteile. Vor ihm brauchte man sich nicht zu verbergen, sondern konnte aus sich herausgehen. Man konnte ihm Dinge sagen, über die man sonst nicht zu sprechen pflegte, ja, die man vielleicht selber noch gar nicht wußte, sondern die vor diesem aufmerksamen Gegenüber erst Gestalt gewannen. Vor ihm entdeckte man sich gewissermaßen selbst“ [Lehndorff 1980, 253, 268].

Während seiner Zeit als Assistenzarzt an der chirurgischen Abteilung des Stadt- und Kreiskrankenhauses Insterburg/Ostpreußen begegnete Lehndorff um 1940 verschiedenen Mitgliedern der dortigen Bekennenden Kirche; besonders war er von Studienrat Dr. Andreas Pfalzgraf (1895–nach 1961) beeindruckt. Graf Lehndorff schreibt in seinen Erinnerungen:

„Dann kam es zu Gesprächen [mit Pfalzgraf], die in ihrer Schlichtheit, Tiefe und Eindeutigkeit geradezu verwandelnde Kraft hatten. So wie an mir selbst habe ich das später mit anderen noch oft erlebt, darunter auch mit einem Vetter von mir [Heinrich Graf Lehndorff-Steinort (1909–1944)]. […] Er [der Vetter] war ein heiterer, unproblematischer, dem Leben in jeder Hinsicht zugewandter Mensch, mit dem ich von Kindheit an stets nur in Ferienstimmung zusammen gewesen bin. Die Voraussetzungen unserer neuerlichen Begegnung hatten sich natürlich infolge der Kriegsereignisse grundlegend geändert. Auch seine engere Familie war von schweren Verlusten betroffen worden. Trotzdem zögerte ich, mit ihm von dem zu sprechen, was mich am meisten beschäftigte. Da er aber auf irgend etwas zu warten schien, fragte ich ihn schließlich, ob er nicht Lust hätte, mit mir einen Besuch zu machen. Zu meiner Überraschung willigte er sofort ein, und wir machten uns auf den Weg nach Sprindt. Als wir dort ankamen, trat Pfalzgraf, den ich telephonisch verständigt hatte, aus der Tür. Die beiden so verschiedenen Männer sahen sich einen Augenblick ins Auge, und dann fand am Kaffeetisch, in Gegenwart von Frau Pfalzgraf und mir, ein Gespräch statt, das mir unvergeßlich geblieben ist. Mein Vetter begann zu reden mit einer Offenheit, wie man sie eigentlich nur bei Kindern erwartet. Er schilderte einen Menschen, der so und so geartet ist, die und die Neigungen und Schwächen hat, sich an diesem und jenem freut und der sich eigentlich noch kaum Gedanken darüber gemacht hat, ob er mit all dem auf dem rechten Wege sei oder nicht. Pfalzgraf antwortete ihm, indem er einen Menschen beschrieb, bei dem vieles ähnlich gelagert sei, der sich aber von jeher mit Problemen herumgeschlagen hätte und den das Grauen ankäme, wenn er daran dächte, was aus ihm geworden wäre, wenn Gott nicht im richtigen Augenblick die Hand nach ihm ausgestreckt hätte. Daraus ergab sich Frage und Gegenfrage, Rede und Gegenrede von einer Dichte, die es uns beiden schweigenden Zuhörern nicht erlaubte, uns etwa als störend zu empfinden. Im Gegenteil, wir hatten beide das Gefühl, es ist gut und richtig so, daß wir dabei sind.“ [Lehndorff 1969, 20–22]

Auch „Renate (von) Menzel“ war ein Mitglied der Bekennenden Kirche in Insterburg. Graf Lehndorff berichtet von dieser eindrucksvollen Persönlichkeit,

„…, deren Haus ebenfalls allen Trostsuchenden offenstand und bei der viele tiefgründige Gespräche geführt worden sind. Ihr Mann war als höherer Offizier in Stalingrad vermißt, und sie sah es als ihre besondere Aufgabe an, die anderen durch Stalingrad betroffenen Frauen zu besuchen und ihnen Mut zu machen. Dabei wurden Worte gewechselt, die sie in den Ruf brachten, sehr offen von Stalingrad als von einer Katastrophe zu sprechen, was natürlich keineswegs im Sinne der politischen Führung war. […] Kurze Zeit darauf erzählte sie mir, es hätte sich bei ihr ein Offizier angesagt, der von einer besonderen Dienststelle in Westdeutschland käme und offenbar einiges über das Schicksal und den Verbleib der in Stalingrad Vermißten zu berichten hätte. Sie wartete auf ihn mit großer Spannung. Er hatte sich zu 18 Uhr angesagt. Gegen Mitternacht telephonierte sie mich plötzlich an und bat mich, noch einen Augenblick herüberzukommen. Ich fand einen tief gebeugt dasitzenden Mann vor, dazu Frau von [sic] Menzel mit einem Gesicht, das zu sagen schien: „Ich weiß gar nicht, was er hat“. Er verabschiedete sich, und als wir zusammen das Haus verließen, sagte er: „Kann ich noch mit Ihnen mitkommen?“ Ich nahm ihn mit ins Krankenhaus, und dann hat er noch bis weit in den Morgen hinein in der gleichen gebeugten Haltung vor mir gesessen und mich ausgefragt: „Gibt es eigentlich noch mehr Menschen, wie diese Frau, die einem auf den Kopf zusagt, wer man ist und was man tut?“. So begann er und erzählte mir dann, was für ein Auftrag ihn überhaupt hierher geführt hatte. Er war gekommen, um sie zu veranlassen, nicht mehr über Stalingrad zu sprechen. Man wußte in Wirklichkeit nichts vom Schicksal der Vermißten. Der Führung lag aber daran, alle Frauen zum Schweigen zu bringen, die sich über die Katastrophe äußerten, und es war zu diesem Zweck eine solche ‚Dienststelle‘ geschaffen worden. Überall, wo man von einer Frau hörte, die in unerwünschter Weise über Stalingrad sprach, wurde jemand hingeschickt, um ihr irgend etwas vorzureden, ihr Versprechungen zu machen, sie einzuschüchtern, ihr notfalls auch Geld anzubieten – alles mit dem Ziel, Gras über Stalingrad wachsen zu lassen. Bisher hatte der Mann, der da vor mir saß, mit dieser Praxis überall Erfolg gehabt, und es war ihm deshalb noch nie so bewußt geworden, wie schäbig sein Verhalten war. An diesem Abend aber war er an seine Grenzen gestoßen. Die Frau, der er begegnet war, hatte ihm die Fragwürdigkeit seines Tuns und seiner ganzen Existenz deutlich gemacht. Dabei hatte sie – wie ich später feststellen konnte – ihn weder kritisiert noch ihm Vorwürfe gemacht, ja, sie war auf das, was er vor mir ausbreitete, gar nicht eingegangen, weil sie es nicht wissen konnte. Aber durch die Art, wie sie mit ihm gesprochen hatte, war er völlig entlarvt worden. Wie ein gebrochener Mann verließ er mich schließlich, hielt sich noch einige Tage in unsrer Stadt auf, offenbar aus dem Bedürfnis, zur Klarheit über seinen weiteren Weg zu kommen“.

Im Jahre 1963 lernte Graf Lehndorff in seinem Haus in Bad Godesberg die Klavierlehrerin Ella Pfaff (geb. Bank; 1898–1989) aus Wolfenbüttel kennen, die dem Grafen die Abschriften der Feldpostbriefe ihres im Kriege gefallenen einzigen Kindes zum Lesen gab. Das wichtigste Lebensziel dieses 19jährigen Soldaten (Peter Pfaff, geb. 18. 5. 1925 Braunschweig; gefallen 17. 10. 1944 bei Pre[e]kuln [heute Priekule]/Lettland), der nach dem Krieg Medizin studieren und dann Chirurg werden wollte, war es, „Liebe auszustrahlen“ und zu empfangen, den Mitmenschen „ihr Herz aufzuschließen“ und den Weg zu Gott zu suchen [P. Pfaff zit. n. Lehndorff 1988, 124 und 100]. Lehndorff gab diese sehr persönlichen Briefe trotz anfänglicher Bedenken der Mutter erstmals im Jahre 1964 heraus, eine zweite, um einige persönliche Formulierungen in den Briefen gekürzte Auflage erschien bereits 1965, eine dritte, um einige Briefe erweiterte Ausgabe wurde dann 1988 publiziert. Ein Beispiel aus diesen Briefen soll die Lebenseinstellung Peter Pfaffs (und auch Lehndorffs, der sie deshalb herausgab) beleuchten:

„Im Allgemeinen mögen sie [die Kriegskameraden] mich gern, aber die große Nummer haben die Leute mit Arm- und Maulwerk. Nur wenn der Kummer kommt, dann ist ja der Peter da! Und in diesen Stunden gewinne ich meine Freunde, nicht wenn es lustig ist, sondern wenn sie etwas auf dem Herzen haben. Das macht mein Leben glücklich, seelisch ein kleiner Arzt sein zu dürfen, obwohl ich weiß, daß ich nicht viel geben kann. Das ist mein Lebensziel: Liebe auszustrahlen, mich auch selbst dabei zu verzehren. Kennst Du das Gedicht von Carossa: ‚… zerfallend senden wir Strahlen aus. …  Ich hasse die Menschen, die aus Angst und Trägheit nicht über den Horizont des Essens und Trinkens hinauskommen. Sie werden nie fühlen, was Leben heißt. Ach, wenn Frieden ist, und ich Arzt werden darf, ich mag gar nicht daran denken, so glücklich werde ich werden. Ich glaube, daß ich auch ein Seelenarzt werden muß. Nun muß ich Dir was erzählen, was in diesen Zusammenhang paßt. […] Als ich auf eine kleine Anhöhe kam, tauchte plötzlich vor mir eine zusammengekauerte Gestalt von einem alten Landser auf. Wie eine Marmorfigur saß er da, vor einem großen Meßfernrohr. Als ich näher kam, sah ich, wie sein eingefallenes Gesicht angespannt, fast schmerzlich verkrampft mit aufgerissenen Augen versuchte, etwas aus der fernen Welt heranzuholen. Ganz still schaute ich zu, ergriffen von der schlichten Größe dieses Kopfes. Es lag so viel über der Welt Schwebendes in dieser Gestalt. Plötzlich wandte er ruckartig den Kopf, fast erschreckt, und sah mich wie ein Gespenst an. Ich fühlte, wie sich dieses Herz nach Güte sehnte, und ich sah ihn mit guten Augen an, daß sein Ernst beinah einem kleinen verschleierten Lächeln gewichen wäre, aber es blieb nur bei einem kleinen mühsamen Zucken der Mundwinkel. Aber schon das zeigte mir, daß ich ihn in seiner inneren Schau nicht störte, sondern er gleiches Schwingen fühlte. Da deutete er stumm auf das Fernrohr, daß ich hindurchblicken sollte. Ich war gespannt, welch seltsames Ziel er angepeilt hatte. Alles hatte ich erwartet, aber was konnte ihn bewegt haben, auf ein Kreuz, ein schlichtes Holzkreuz auf einem Hügel mit seinem Glas zu zielen? Ich kann den Anblick nie vergessen: die schlichte Grabstätte, die der Sturm mit leisem Flugsand umwirbelte. Fragend sah ich ihn an, und plötzlich schluchzte er auf, ein Mann schluchzt vor einem Jungen, nahm meine Hand zwischen seine großen starken und zog mich in seinen behaglichen Unterstand. Wie es kam, weiß ich nicht: Sofort waren wir im Erzählen, und das brach alles aus seinem übervollen geprüften Herzen, was er vor der Umwelt, der spöttelnden, bewahrt hatte. Erst erzählte er stockend. Denk Dir, seine Frau, eine junge blühende Mutter mit einem einjährigen Säugling, Bärbel, hatte er vor 5 Wochen – durch Phosphor verbrannt, in einer kleinen Holzkiste beerdigt. Jede Einzelheit stellte er in aller grausamen Härte dar, alles, alles. Auch ein Bild zeigte er mir, sagte nur die Worte: Gott, o Gott, womit habe ich das verdient? Ich konnte nichts sagen, da versagt alles, man kann nur still das ausstrahlen, was an kindlicher Reife in einem ruht. Von mir aus konnte ich ihm nichts geben. Aber es war doch wie ein Wunder, daß der Mann wieder langsam ruhig und glücklich wurde, wohl aus dem Bewußtsein, nicht allein zu sein. ‚Schön, daß wir uns gefunden haben, Du bist gut, kommst Du morgen wieder?‘ Nun bin ich jede freie Stunde bei ihm. Ein neuer Freund! Wir lesen zusammen Gedichte und wälzen Lebensfragen.“ [Lehndorff/Pfaff 1988, 61–63].

An einen Freund, der nach dem Kriege Tiermedizin studieren wollte, schreibt Peter Pfaff als 18jähriger:

„Ich muss Dir nur sagen: weg vom Tier, hin zum Menschen. […] Weißt Du, ich sehe den Sinn des Lebens in der Liebe, unsre Hauptaufgabe, die uns Gott für unser Dasein stellt, unserm Mitmenschen zu dienen, in der Not zu helfen, in schweren Stunden Trost zu geben. In keinem Beruf kannst Du dies Ziel so gut erreichen wie als Arzt. Weißt Du, es kommt beim Arzt nicht darauf an, dass er eine treffsichere Diagnose stellt. Viel wichtiger ist es, den Menschen mit seinem Herzen zu sehen, ihm durch die Persönlichkeit Kraft zu geben. Nicht nur das böse Furunkel am Hals zu behandeln, sondern den ganzen Kerl, die Seele. Ich könnte Dir so viele Fälle erzählen, wo nur die Kräftigung und Heilung der Seele die Entscheidung über Leben und Tod gefällt hat, obwohl die Krankheit vielleicht rein körperlich war. Das ist der Fehler vieler grosser Ärzte, dass sie Bücherhengste sind, nicht das warme Leben sehen und daher keine Erfolge aufzuweisen haben.“