Die Psalmen aus Qumran – Das Buch

PSALMEN UND HYMNEN AUS QUMRAN

Eine Einführung von Prof. Dr. Klaus Berger, Heidelberg

Der größte geistige und religiöse Reichtum des Judentums zur Zeit Jesu sind die in dieser Zeit entstandenen Psalmen, Hymnen und Gebete. Schon vor der Entdeckung der Schriftrollen von Qumran wusste man, dass es solche hymnischen Texte gab, vor allem aus der sogenannten zwischentestamentlichen Literatur, Schriften, die nach den letzten alttestamentlichen und vor den ersten neutestamentlichen Büchern entstanden und von denen wir heute einige unter dem Namen „Apokryphen“ in manchen Bibelausgaben finden. Auch die Lieder am Anfang des Lukas-Evangeliums (Magnificat, Benedictus und Nunc dimittis) gehören in diese Tradition.

Aber dann hat man in den Höhlen 1, 4 und 11 in Qumran rund 120 neue Lieder gefunden und in Höhle 4 darüber hinaus zahlreiche Bruchstücke von Gebeten, die für die einzelnen Tage des Jahres gedacht waren. Erst jetzt wurde der ganze Reichtum frühjüdischer Spiritualität erkennbar.

Wer diese Lieder geschrieben hat, wissen wir nicht. Bei den Hymnen aus Höhle 1 hat man sich lange den „Lehrer der Gerechtigkeit“ als Verfasser gedacht, eine auffallende Figur in einigen anderen Qumran-Texten. In der Tat ist in den Hymnen öfter von einem erwählten Einzelnen die Rede, der Feinde hat und von ihnen bedrängt wird, weil er ihnen von Gott her etwas mitzuteilen hat. Die Frage ist indes, ob das „Ich“, das hier redet, als ein individuell-biographisches zu verstehen ist oder als ein eher typisches, gleichsam kollektives, in dem sich die Erfahrungen vieler einzelner Gleichgesinnter bündeln. Mir ist letzteres wahrscheinlicher; denn schon die klassischen Psalmen der Bibel schildern oft die typische Bedrängnis des Weisen und Gerechten. Im Judentum zur Zeit Jesu finden sich Beispiele dafür in Weisheit Salomos 2-5.

Inhaltlich sind diese Texte vor allem auf zwei gegensätzliche Themen ausgerichtet. Zum einen sind es Klagelieder, in denen menschliche Not, Armseligkeit, Bedrängnis und kreatürliche Nichtigkeit bewegend geschildert werden. Sie sind sehr expressiv und berühren durch ihren krassen Realismus. Das gilt sowohl für die Bedrängnis durch Gegner und Feinde als auch hinsichtlich der Beziehung des Menschen zu Gott. Wenn hier von Niedrigkeit, ja Nichtigkeit gesprochen wird, dann ist das immer „typisch“ gemeint: Dies ist die Situation jedes Menschen vor Gott. Diese schlechthin typische Situation wird immer wieder an Frauen verdeutlicht. Menschliche Not, Bedrängnis, Kreatürlichkeit und Unterschiedenheit von Gott wird vor allem an typisch Weiblichem (Wehen, Gebären) sichtbar. Eindrucksvoll ist auch das Klagelied, in dem Jerusalem mit der von ihrem Mann verlassenen Frau verglichen wird. Andere Bilder spiegeln offenbar Märtyrer-Erfahrungen des vorchristlichen Judentums wider. Es fällt auf, dass die aussermenschliche Kreatur und damit überhaupt das Thema Schöpfung – einschließlich Gottes Vorsorge für die einzelnen Geschöpfe – ganz zurückgedrängt sind. Dasselbe gilt auch für Rückblicke auf die Geschichte Israels. Hierin unterscheiden sich die Qumran-Hymnen deutlich von den biblischen Psalmen.

Eine ganz andere Gruppe dieser Hymnen besingt die Herrlichkeit der himmlischen Welt. Auch hier ist – wie bei der Schilderung der Not – die Intensität der Wahrnehmung neu gegenüber den kanonischen Psalmen. In einigen Texten gibt es bereits den feierlichen Nominalstil, der aus späteren Litaneien bekannt ist („Feuer aus Licht, Ruhm und Glanz, Erhabenheit und Herrlichkeit …“). Dass die himmlische Welt überhaupt beschrieben wird, ist ebenfalls neu. Die Herrlichkeit Gottes ist die des himmlischen Bauwerks. Farben (weiß, golden, rot) spielen dabei eine große Rolle. Alle Gegenstände werden nur zweidimensional vorgestellt. Die Engel sind daher auch „in Wirklichkeit“ so wie ihre Darstellungen auf Tempelwänden: flächenhaft und wie Ausschnitte aus Mustern. Dinge, die wir für Abstracta halten, sind dort konkret anschaubar („Quell der Einsicht“). Und die Gegensätze zwischen Person und Ding verschwinden: Die Wände und Mauern des himmlischen Tempels sind belebt und loben Gott mit. Diese umfassende Aufhebung der von uns für grundlegend gehaltenen Einteilungen des Wirklichen (Ding – Person; Raum – Fläche; Abstractum – Concretum; Bild – das Ding selbst) ist maßgebliches Merkmal der himmlischen Welt.

Im Zusammenhang mit dieser himmlischen Welt gibt es auch eine besondere Theologie der Hymnen: Der Mensch, der einstimmen darf in den Jubel der Engel, der mit ihnen die hebräischen Psalmen aus den Qumranhöhlen singt, dieser Mensch ist eben durch seine Teilhabe an diesem Singen erlöst. Von sich aus kann der Mensch nichts. Gott muß ihm den Mund zum Singen öffnen. Das geschieht, indem Gott seinen Geist auf den Beter oder Sänger gießt. Dadurch kann er dann singen, und so und nicht anders wird er in die Gemeinschaft der Engel aufgenommen. Das Singen hat Heilscharakter.

Wenn Singen Gemeinschaft mit den Engeln bedeutet, dann werden auch die „Feinde“, von denen in den Psalmen so oft geredet wird, neu begriffen. Diese „Feinde“ sind nach Auffassung der Qumran-Hymnen Geistermächte, die dem Menschen schaden und ihn von Gott fernhalten möchten. Wenn der Mensch mit den guten Engeln gemeinsam den Hymnus singt, werden diese bösen Mächte vertrieben und besiegt. Insofern haben die Psalmen „apotropäischen“ (Böses abwehrenden) Charakter.

Die Alte Kirche hat dieses Verständnis aufgegriffen und auch individualpsychologisch gedeutet. Ganz ähnlich wie es moderne Musiktherapie annimmt, ist das Singen der Hymnen selbst wie ein heilsames, heilschaffendes Sakrament. Es hält, wie die Kirchenväter sagen, die bösen Dämonen fern. Denn es versetzt in die Gemeinschaft mit den guten Engeln. Diese Auffassung hat sich bis in die christlichen Abendmahlsliturgien hinein erhalten. Wenn in der Einleitung zum „Heilig, heilig, heilig“ gesungen wird: „… dass wir mit Engeln und Erzengeln, mit Thronen und Herrschaften … den Lobgesang deiner Herrlichkeit singen“, dann ist das „ein Stück aus den Höhlen von Qumran“ in jedem Abendmahlsgottesdienst.

Vor allem aber sind die Psalmen aus Qumran ein wichtiges Wegstück in der Vorbereitung der Sünden- und Rechtfertigungsthematik des Paulus. Weil der Mensch in seiner Armut und Nichtigkeit in höchstem Maße auf Gottes Erbarmen und Gnade angewiesen ist, betonen die Psalmen aus Qumran immer wieder, dass der Mensch allein Gottes Erbarmen alles Heil zuzuschreiben hat. „Allein aus Gnade, nur durch Gottes Erbarmen sind wir gerettet“. Sätze wie diesen finden wir oft in diesen Texten. Doch von einer Bindung gerade dieser Rettung an einen Messias und sein Geschick wissen sie nichts, sie träumen nicht einmal davon.