Die Autobiographie Karls IV.

Karls Traumvision
Kapitel 7 der Autobiographie Karls IV.

Damals, als wir uns in Lucca aufhielten, stiftete der Teufel, der ständig sucht, wen er verschlingen könne, und den Menschen Süßes anbietet, worin sich Galle birgt, üble und verderbte Leute aus der Umgebung meines Vaters an, uns vom rechten Weg abzubringen und in Elend und Begierde zu verstricken. Aus eigener Kraft hatte er es nicht geschafft, obwohl wir schon lange von ihm versucht worden waren. Aber durch die Hilfe der göttlichen Gnade waren wir ihm nicht unterlegen. Nun aber wurden wir von Verderbten verführt und mit den Verderbten verderbt.

Nur kurze Zeit nach uns brach unser Vater nach Parma auf. Gleichzeitig kamen wir am Sonntag, dem 15. August 1335, dem Fest Mariae Himmelfahrt, zu einem Dorf im Bistum Parma mit Namen Terenzo.  In jener Nacht aber, als uns der Schlaf übermannte, hatten wir eine Erscheinung. Denn ein Engel des Herrn trat zur Linken unseres Lagers, stieß uns in die Seite und sprach: »Steh auf und folge uns!« Wir antworteten im Geist: »Herr, ich weiß weder, wohin, noch wie ich mit Euch gehen soll.« Und er nahm uns vorn an den Haaren und trug uns mit sich durch die Lüfte, bis wir uns über einem großen Reiterheer befanden, das kampfbereit vor einer Burg stand.

Er hielt uns über dem Heer in der Luft und sprach: »Gib acht und schau hin!« Und siehe, ein anderer Engel kam vom Himmel herab mit einem feurigen Schwert in der Hand. Damit durchbohrte er einen Menschen, der sich inmitten des Heeres befand, und schlug ihm das Geschlechtsteil ab. Schwer Karl IV_Cod.2618_038_Kap.07_Ausschnittverletzt rang dieser, noch auf dem Pferd sitzend, mit dem Tod. Da ergriff uns der Engel wieder bei den Haaren und sprach: »Kennst du jenen, der von dem Engel durchbohrt und tödlich verwundet wurde?« Darauf antworteten wir: »Herr, ich kenne ihn nicht. Auch der Ort ist mir unbekannt.« Er sprach: »Wisse, dies ist der Dauphin von Vienne, der wegen der Sünde der Ausschweifung so von Gott durchbohrt wurde.  Nun also nehmt euch in acht! Auch eurem Vater könnt ihr sagen, er solle sich vor solchen Sünden hüten, sonst widerfährt euch noch Schlimmeres.« Es erfasste uns großes Mitleid mit Guigo, dem Dauphin von Vienne, dessen Großmutter die Schwester unserer Großmutter war. Er selbst war der Sohn der Schwester König Karls I. von Ungarn.

Von Mitleid ergriffen fragten wir den Engel, ob Guigo vor seinem Tod noch beichten könne. Der Engel aber antwortete und sprach: »Er wird noch beichten und einige Tage leben.« Da sahen wir auf dem linken Flügel des Heeres viele Leute stehen, in weiße Gewänder gekleidet, als seien es Männer von großer Würde und Heiligkeit. Sie sprachen miteinander und richteten ihre Aufmerksamkeit auf das Heer und das, was geschehen war. Wir beobachteten sie genau. Wer aber diese ehrwürdigen Männer waren, wurde uns nicht zu fragen erlaubt noch von dem Engel erklärt.

Plötzlich waren wir wieder an unseren alten Ort zurückversetzt, während der Morgen schon graute. Da kam der Ritter Thomas von Villeneuve aus dem Bistum Lüttich, ein Kammerherr unseres Vaters, und weckte uns mit den Worten: »Herr, warum steht Ihr nicht auf? Euer Vater sitzt schon gerüstet zu Pferd.« Da erhoben wir uns, aber wir waren erschöpft und müde wie nach den Strapazen einer langen Reise.

Wir antworteten ihm: »Wo sollen wir hingehen? In dieser Nacht haben wir so viel gelitten, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen.« Da sagte er zu uns: »Herr, was gibt es?« Wir entgegneten ihm: »Der Dauphin ist tot. Und unser Vater will ein Heer sammeln und ihm zu Hilfe ziehen, da er mit dem Grafen von Savoyen Krieg führt. Unsere Hilfe nützt ihm nichts, denn er ist tot.« Er lachte uns damals aus.

Nachdem wir aber nach Parma gekommen waren, erzählte er unserem Vater alles, was wir ihm gesagt hatten. Da ließ der Vater uns rufen und fragte, ob das wahr sei und wir das so gesehen hätten. Wir antworteten ihm: »Herr, seid versichert, der Dauphin ist tot.« Der Vater aber schalt uns: »Glaub’ doch nicht an Träume!« Wir hatten aber unserem Vater und Thomas nicht alles berichtet, wie wir es gesehen hatten, sondern nur gesagt, dass der Dauphin tot sei.

Nach einigen Tagen brachte ein Bote die Nachricht, der Dauphin sei mit seinem Heer vor eine Burg des Grafen von Savoyen gezogen und inmitten aller seiner Ritter von einem großen Pfeil aus einer Armbrust getroffen worden. Er habe noch die Beichte abgelegt und sei nach wenigen Tagen gestorben. Als unser Vater diese Nachricht hörte, sagte er: »Wir wundern uns sehr darüber, denn unser Sohn hat uns dessen Tod vorhergesagt.« Sowohl er als auch Thomas waren tief betroffen. Niemand aber hat danach mit ihnen über diesen Vorfall gesprochen.