Unsere D.-Bahn – Erinnerungen

Unsere D.-Bahn – wer kennt die nicht …

Erinnerungen an die Duisburger „Kultstraßenbahn“ mit Speisewagen

Gabriele Kampen

Gabriele Kampen erinnert sich

Ich wurde am 5. 12. 1953 hier in Duisburg geboren.
Ich erinnere mich immer wieder gerne an die Zeit, wenn wir – meistens am Wochenende – mit mehreren Mädels nach Düsseldorf in die Altstadt gefahren sind. Und womit? Natürlich mit unserer heiß geliebten D.-Bahn, weil sie halt einen Speisewagen hatte und man sich dort schon auf einen schönen Abend einstimmen konnte. Wir hatten immer viel Spaß, wir konnten etwas essen und trinken und gesellig im Speisewagen sitzen … Wir haben immer viel gelacht.
Aber auch wenn ich nur einfach zu Freunden nach Düsseldorf gefahren bin, dann im Speisewagen mit unserer D.-Bahn, weil es gemütlicher war.

 

Turid Krebber mit Enkel Alexander

 

Turid Krebber erinnert sich

Es begann 1950. Zu jener Zeit wohnten noch nicht viele Menschen im Huckinger Neubaugebiet Am Heidberg. Wenn neue Familien hierher zogen, lernte man sich natürlich rasch kennen, und so lernte ich auch zwei Damen kennen (Grete Gille und Friedel Dahmen), die Freude am Kegeln hatten. Bald verabredeten wir uns jeden Donnerstagnachmittag – dies war unser freier Haushaltstag – zusammen mit neun anderen Damen zum Kegeln im Societäts-Haus in Duisburg.
Dass wir uns jede Woche darauf freuten, hatte außer dem Kegeln noch einen anderen Grund: Die D.-Bahn, mit der wir fuhren, hatte nämlich einen Speisewagen. Jedesmal wenn die Bahn an unserer Haltestelle Am Kesselsberg hielt, duftete uns bereits der Kaffee aus dem Speisewagen entgegen und verströmte einen Hauch von Luxus.
Der Kellner in seiner schicken weißen Jacke kannte uns bereits und begrüßte uns stets besonders zuvorkommend. So tranken wir jeden Donnerstag unseren herrlichen Kaffee, aßen Kuchen und freuten uns in fröhlicher Stimmung auf das Zusammentreffen mit unseren anderen neun Kegeldamen.
Manchmal kam es auch vor, dass wir drei Heidbergerinnen nach dem Kegeln immer noch unternehmungslustig waren und anstatt zurück nach Hause in die Düsseldorfer Altstadt fuhren. Da es nach Düsseldorf eine richtige kleine Reise war, machten wir es uns wieder im Speisewagen bequem und aßen, hungrig wie wir waren, eine Gulaschsuppe mit Düsselbier. Gegen Mitternacht kehrten wir dann müde und fröhlich nach Hause zurück.
Für uns in unserem abgelegenen Neubaugebiet am Heidberg an der Grenze zu Düsseldorf bedeutete die D.-Bahn mit ihrem Speisewagen so etwas wie den Anschluss an die große Welt. Und sie trug auch dazu bei, dass aus unseren donnerstäglichen Fahrten nach Duisburg eine Freundschaft fürs Leben wurde. Später machten wir dann gemeinsam große Reisen durch das wieder aufblühende Deutschland und hatten viel Spaß miteinander beim Essen und Trinken.

 

Renate Schulte-Werflinghoff

Renate Schulte-Werflinghoff erinnert sich

Ich wurde am 26. 5. 1946 in der Duisburger Frauenklinik an der Lotharstraße geboren. Meine Eltern Wilhelm und Elisabeth Bruckmann, geb. Pesch, waren ebenfalls gebürtige Duisburger, und zwar aus dem Stadtteil Duissern.
Leider hatte ich nur sechs Jahre etwas von meinem Vater. Dann holte der liebe Gott ihn zu sich. Da mein Vater selbstständig war, war die Witwenrente sehr niedrig. Da gab es nicht viel Abwechslung in meinem Kinderleben, mangels Geld. Ein Ausflug in den Zoo war da schon ein richtig „großes Ding“.
In dem Haus, wo ich mit meiner Mutter wohnte, wohnte auch noch ein mit meinen Eltern befreundetes Ehepaar. Nach dem Tod meines Vaters kümmerten sich die Eheleute rührend um uns. Der Mann war Planmeister bei der DVG. Er nahm mich oft mit, um mit ihm Bus oder Straßenbahn zu fahren. So lernte ich den Speisewagen der D.-Bahn nach Düsseldorf kennen. Ich bettelte oft, um einmal mit diesem Wagen nach Düsseldorf und wieder zurück zu fahren. Dabei ging es mir nicht um das eigentliche Fahren, nein. Im Speisewagen bekam ich dann immer eine Ochsenschwanzsuppe und auf dem Rückweg Kartoffelsalat mit Würstchen. Auch heute noch, nach 55 Jahren, behaupte ich, nie mehr eine bessere Ochsenschwanzsuppe und einen leckereren Kartoffelsalat gegessen zu haben. Außerdem war es im Speisewagen, wie ich mich erinnere, immer sehr elegant. Auf den Tischchen, die an der Wand befestigt waren, standen kleine Lämpchen. Ich kam mir immer vor wie vom Duft der großen weiten Welt umgeben. Das war jedes Mal wie ein Urlaub, den ich ja nie hatte.
Ich finde es sehr schade, dass es keinen Speisewagen mehr gibt. Ich würde bestimmt manchmal ein kleines Tourchen machen. Die Frage ist allerdings, ob es nicht nur in meiner Erinnerung so toll und wunderbar war und es mich heute ernüchtern würde. Dann bewahre ich mir doch lieber diese romantische Erinnerung.

 

Wilhelm Schulz

Wilhelm Schulz erinnert sich

Offiziell war sie als „Fernlinie D“ bekannt. Sie verband die Städte Düsseldorf und Duisburg, wofür das „D“ stand. Doch als kleiner Junge verband ich das „D“ stets mit „D-Zug“. Mit einem Schnellzug hatte die D-Bahn aber nichts zu tun, obwohl sie als Schnellstraßenbahn nicht an jeder Straßenbahnhaltestelle hielt. Sie brauchte etwa eine Stunde vom Duisburger König-Heinrich-Platz bis zum Graf-Adolf-Platz in Düsseldorf. Verglichen damit brauchte die Bundesbahn zwischen Düsseldorf und Duisburg Hbf nur etwa 20 Minuten (Eilzug) oder 32 Minuten (Personenzug). Dafür liegen aber die Hauptbahnhöfe etwas östlich der Stadtzentren, man musste sich am Fahrkartenschalter anstellen und auf den Bahnsteig laufen. Zwar bot die DB zwei bis drei Züge in der Stunde an, D- und FD-Züge nicht mitgerechnet, doch die fuhren in den fünfziger Jahren nicht im Taktfahrplan – im Gegensatz zur D.-Bahn. Die fuhr alle 30 Minuten. Und von Innenstadt zu Innenstadt.
Gerade unmittelbar nach der Währungsreform fuhren wir gerne nach Düsseldorf. Da gab es die besseren Geschäfte. Natürlich mit der D.-Bahn, auf der ja noch die schweren Vierachser fuhren. Die eine Hälfte des Wagenparks gehörte der Rheinbahn, die andere der DVG. Mir fiel auf, dass die DVG-Fahrzeuge mit Lattensitzen spartanisch ausgerüstet waren, während die Rheinbahnfahrzeuge dunkelgrüne Lederpolster mit eleganten, polierten Messinggriffen hatten. Aber das änderte sich schnell, als die DVG-Fahrzeuge hauptuntersucht wurden. Auch sie bekamen nun dicke, rote Lederpolster, und die Fahrt in ihnen wurde viel angenehmer. Im Gegensatz zur innerstädtischen Straßenbahn besaßen sie Druckluftbremsen – es zischte und die Bremsen schliffen, genau wie bei der „richtigen“ Eisenbahn. Unvergessen auch die melodische doppeltönige Pfeife, die vor jedem Bahnübergang erklang. In der Innenstadt gab es statt des damals üblichen „Teng-Teng“, das der „Tingting“ ja zu ihrem Spitznamen verhalf, Signale ähnlich dem heute auch noch gebräuchlichen Rasselwecker. Den hatte damals ja auch noch die Feuerwehr, zusätzlich zum Blaulicht und Martinshorn.
Nicht jeder, aber fast jeder zweite D.-Bahnzug führte einen Speisewagen mit sich, diesen vierachsigen Beiwagen, violett mit elfenbeinfarbenem Fensterband, das in etwa dem legendären Vorkriegsrheingold entsprach. Meine Mutter und ich wollten ihn am Pfingstmontag 1950 in Zusammenhang mit einem schönen Pfingstausflug ausprobieren. So fuhren wir mit dem Linienbus zum Gasthof Kornwebel in Duisburg-Rahm, dort, wo die B 288 – die gab es damals schon als Krefelder Autobahnzubringer – über die Angermunder Straße führt. Durch die Kornfelder liefen wir nach Westen zur D.-Bahnhaltestelle „Kesselsberg-Angerhof“. Aber o weh, es war nur ein Speisewagen im Umlauf – und der kam nicht! Also fuhren wir ohne Speisewagen nach Hause. Wir waren enttäuscht. Für mich aber war es trotzdem ein unvergesslicher Tag.
Später aber bin ich häufig mit dem Speisewagen gefahren. Meist habe ich in dem rollenden Restaurant ein Glas Bier getrunken, oder – wenn ich Hunger hatte – auch Bockwurst mit Brötchen gegessen. Es gab aber auch Kaffee, Tee, nicht alkoholische und alkoholische Getränke, Suppen, ja – man konnte sogar richtig frühstücken. Mir taten es die Tische mit den dunkelbraunen ledergepolsterten Sitzbänken an – durchaus vergleichbar mit den Speisewagen der DSG (Deutsche Schlaf- und Speisewagengesellschaft). Der letzte „klassische“ D.-Bahnzug mit dem alten Speisewagen fuhr am 3. Mai 1965. Danach bestimmten bis zum Frühherbst 1975 die achtachsigen D.-Bahn-Gelenktriebzüge mit „Speiseraum“ das Bild. Sie hatten innen dicke, rote Lederpolster, und auf der Speisenkarte wurden immerhin 30 Speisen und Getränke angeboten. Leider musste sich die D.-Bahn in beiden Innenstädten die Straßen mit den Autos teilen. Das führte zu manch unvorhergesehener Bremsung, wodurch so manches Getränk durchaus nicht im Magen des Gastes landete. Auch Geschirr ging öfters zu Bruch, was meine Schwägerin erlebte, als sie 1969 mit der D.-Bahn zu unserer Hochzeit zum Angerhof fuhr. Das Kennzeichen des Pkw-Fahrers wurde zwar aufgeschrieben – was daraus wurde, weiß ich leider nicht.
Einmal wollte ein Junge seine Männlichkeit beweisen, rauchte demonstrativ eine Zigarette, wobei er kräftig auf den Putz haute. Als ihm der Fahrgast, mit dem er sich so amüsant unterhielt, ein Schnäpschen ausgeben wollte, schritt jedoch rasch die Bedienung mit der Frage nach dem Alter des Jüngskens ein – und vorbei war’s mit der Männlichkeit.
Zuletzt besuchte ich den Speiseraum – jetzt in einem GT 8 SU der Rheinbahn – im Frühjahr 1987. Der hatte nichts mehr mit dem alten D.-Bahn-Vierachser zu tun, sondern war einfach nur schlicht und zweckmäßig. Und so blieb es denn bis zum Ende des „Speiseraums“ im Stadtbahnwagen B 80 der DVG im Juli 1998.