Habets – Thea

Renate Habets
Thea. Roman

Blick in das Buch

Die Gäste sind gegangen, Thea ist wieder allein an diesem Abend ihres Geburtstags. Achtundachtzig Jahre alt ist sie heute geworden. Manchmal fühlt sie sich uralt und noch älter, als sie ist, wenn die Jungen sie bitten: „Erzähl, Tante Thea !“, und sie dann erzählt von früher, von ganz früher. Wie lang ist das her!?
Sehr lange, länger noch, als sie aus eigenem Erleben weiß. Und manchmal, wie an diesem Abend, als sie die Erinnerungen an die frühen Jahre ihrer Eltern noch einmal heraufbeschwört, fragt sie sich: Woher weiß ich das alles? Sie war doch noch gar nicht geboren, als die Familie vom Westerwald nach Köln zog, weil der Vater bei den Preußischen Staatsbahnen Arbeit gefunden hatte.
Doch da sind die Fotos, alte, zum Teil verblichene Familienfotos, die auf dem Tisch neben ihrem Sessel stehen und ihr wie Momentaufnahmen aus einem Film das Leben ihrer Familie vor Augen stellen, als wäre es gestern gewesen.
Da ist zunächst die bäuerliche Welt der Eltern in den Dörfern des Westerwalds, wo Vater und Mutter Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsen sind. Dann die Welt der Großstadt Köln, wohin die jungen Eltern zogen, noch vor dem Ersten Weltkrieg, die Welt der Humboldt-Kolonie in Köln-Deutz, in der sie dann lebten mit der wachsenden Jungenschar, zu der dann sie als einzige, lang ersehnte Tochter endlich hinzukam. Dann die Zeit des Weltkriegs, des Ersten, für den die Brüder, gottlob, noch zu jung waren. Dann die neue Republik, nach Weimar genannt, und wenig später dann die Nazis, Jahre, in denen es in ihrem Haus immer stiller und die Mutter immer schwächer wurde, bis diese eines Tages einschlief. So musste sie wenigstens nicht mehr erleben, dass ihre fünf Söhne Soldaten wurden im Zweiten Weltkrieg und Bomben ihr Haus in der Kolonie zerstörten. Und dann der Neubeginn …
Und mitten in diesem Erinnern und Erleben sie, Thea, die – erst heute kann sie es zugeben – in diesen vergangenen Zeiten auch Vieles verdrängt hatte. Sehr früh schon hatte sie ihren Lebensplan aufgeben, ihrer Familie opfern müssen. Auch diesen Schmerz ruft die Erinnerung noch einmal in ihr wach.

Nie wäre es ihr eingefallen, Vater oder Mutter anders zu schildern. Eine glückliche Kindheit hatten sie ihnen geschenkt, so hatte sie sich erinnert, so hatte sie es erzählt. Aber das war nur die eine Wahrheit. Daneben gab es noch eine ganz andere, eine mit Verletzungen, Un­gerechtigkeiten, Nicht-verstehen-Wollen oder Können und auch – Unterdrückung. Zumindest bei ihr, dem Mädchen, war ein selbst bestimmter Lebensweg nicht akzeptiert worden. Und dennoch, sie, die „Mösch“, war immer geliebt worden, das schon, dessen war sie sich heute sicher.