Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten: DAS MANIFEST DER TOLERANZ

»Trotz vieler Nachforschungen darüber, was ein Ketzer sei, konnte ich nichts anderes feststellen, als dass jeder für einen Ketzer gilt, der anders denkt als wir.« (Sebastian Castellio)

Button_Buch des Jahres 2014_frei_gedreht01_Manifest_Umschlag_VS_Button_300DAS MANIFEST DER TOLERANZ

(Das historische Buch des Jahres — 3. Platz in der Kategorie »Denkanstöße«)

(Hans Küng: «Eine höchst verdienstvolle Ausgabe» und Volker Reinhardt in der FAZ: «Eine wärmstens zu begrüßende Edition, der man viele Leser wünscht»)

Stefan Zweig Sebastian Castellio und das Manifest der Toleranz
Sebastian Castellio Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll. De haereticis an sint persequendi
[Sebastian Castellio] Bericht über den Tod Servets Historia de morte Serveti
Sebastian Castellio Verteidigungsschrift vor dem Basler Rat am 24. November 1563
Hans R. Guggisberg Sebastian Castellios De haereticis und die Toleranzdebatte 1553–1555

Herausgegeben und mit einer Einführung von Wolfgang F. Stammler

  • 440 Seiten mit 38 Abbildungen
  • Leinenband mit Schutzumschlag und zwei Lesebändchen
  • EUR 34,00 / SFr 45,50
  • ISBN 978-3-939973-61-4

In diesem Buch wird dem Leser erstmals ein Werk in deutscher Übersetzung vorgestellt, das die Geschichte der Toleranz und des Kampfes um Gedanken- und Glaubensfreiheit maßgeblich beeinflusst hat: Sebastian Castellios De haereticis an sint persequendi aus dem Jahr 1554, in dem er die Mächtigen seiner Zeit eindringlich ermahnte, Andersdenkende nicht zu verfolgen und zu töten. 

Als am 27. Oktober 1553 im reformierten Genf mit dem spanischen Arzt und Humanisten Miguel Servet erstmals ein »Ketzer« bei lebendigem Leib verbrannt wurde, ging ein Aufschrei der Empörung durch die Reihen derer, die vor den Scheiterhaufen der Inquisition in die Schweiz geflohen waren. Welches Recht hatte ausgerechnet die Reformation, Andersdenkende zu verfolgen? War diese nicht selbst die Frucht einer Gewissens- und Glaubensüberzeugung von Andersdenkenden gegenüber der katholischen Lehre?

Titelblatt des 1554 erschienenen "De haereticis"

Titelblatt des 1554 erschienenen „De haereticis“

Diese Empörung fand in dem Basler Humanisten und ehemaligen Mitarbeiter Calvins, Sebastian Castellio (1515–1564), ihre — wie sich später zeigen sollte — geschichtsmächtigste Stimme. Bereits kurz nach der Hinrichtung Servets erschien seine Schrift De haereticis, in der er sich mit eindringlicher Schärfe dagegen aussprach, Ketzern anders als mit »geistlichen Waffen« zu begegnen, geschweige denn sie zu töten. Wenn man Menschen wegen Habgier, Lügen und Verleumderei schon nicht töte, warum dann ausgerechnet Ketzer? Denn was ist denn ein Ketzer? »Trotz vieler Nachforschungen darüber, was ein Ketzer sei, konnte ich nichts anderes feststellen, als dass jeder für einen Ketzer gilt, der anders denkt als wir.«

»Welch ein stiller Held«, schrieb Stefan Zweig an seinen Freund Romain Rolland, »und welch freier Geist, dieser Castellio, dieser Arme, dieser Isolierte, dieser Erasmische ohne den beißenden Spott, ohne dessen Schwäche. Ich bin wirklich sehr dankbar, diesen edlen Charakter gefunden zu haben.« Doch sei es, so klagt er, »manchen verhängt, im Schatten zu leben, im Dunkel zu sterben«.

Umschlag der Erstausgabe von 1936 von Stefan Zweigs Castellio gegen Calvin

Umschlag der Erstausgabe von 1936

Gebührt Stefan Zweig das Verdienst, Castellios Namen und Wirkung aus dem Schatten der Geschichte befreit zu haben, so ist es nun an der Zeit, auch seine (überwiegend lateinisch verfassten) Schriften aus dem Dunkel der Bibliotheken hervorzuholen und einem aufgeschlossenen Publikum in zeitgemäßer Gestalt zugänglich zu machen. Deren Anliegen war es, das Bewusstsein der Menschen seiner Zeit dafür zu schärfen, wie es gelingen kann, Toleranz gegen Intoleranz, Humanität gegen Fanatismus, Individualität gegen Funktionalisierung zu verteidigen — oder anders gesagt: das Humane vor dem Politischen, Menschlichkeit und Freizügigkeit vor staatlichem und gesellschaftlichem Zwang, die Freiheit des Gewissens vor jeglicher Art bevormundender Gewalt zu schützen. Ein Anliegen, das heute von unerwartet neuer und beklemmender Aktualität ist angesichts der Bedrohung durch die elektronische Überwachung, der sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft inzwischen ausgesetzt sind.

Diese Sorge um den Schutz des freien Willens, die Furcht vor der Bedrohung der Gewissens- und Glaubensfreiheit (»Niemand kann für einen anderen glauben«), durchzieht die meisten von Castellios Schriften. Sie sind nicht nur von einem tief empfundenen, leidenschaftlichen und christlich gelebten Humanismus geprägt, sie sprechen auch eine Sprache, die in ihrer Lebendigkeit und Bildhaftigkeit auch viele seiner nicht akademisch gebildeten Zeitgenossen angesprochen hat. 

Die nun vorliegende Ausgabe seiner ersten Schrift, seinem Plädoyer für Gewissensfreiheit und gegen Ketzerverfolgung, bildet innerhalb unserer neuen BIBLIOTHEK HISTORISCHER DENKWÜRDIGKEITEN den Auftakt zu einer Reihe weiterer, erstmals ins Deutsche übersetzter Ausgaben von Castellios Schriften.

Thomas Mann schrieb 1936 an Stefan Zweig über sein Buch:
»So eifrig und ganz in Banden geschlagen von der Materie und ihrer Gestaltung habe ich lange kein Buch mehr gelesen wie Ihren Castellio! Es ist eine Sensation, tief erregend, allen Abscheu und alle Sympathie des Tages auf ein historisches Objekt sammelnd, welches lehrt: Es ist immer dasselbe. Das ist trostlos und tröstlich zugleich. Ich wußte gar nichts von Castellio, bin wahrhaft erfreut von seiner Bekanntschaft und habe eine neue Freundschaft, zurück in der Zeit, geschlossen. Ich danke sie Ihrem Buch, danke Ihnen. Meinen Glückwunsch und herzliche Grüße von mir und meinem Hause.
Ihr Thomas Mann«

  • Castellio und sein »Manifest der Toleranz« im Rundfunk → Zum Anhören auf die jeweilige Sendung klicken ↓
  1. Castellio im WDR3: Manifest der Toleranz (16.12.2013)
  2. Castellio im Deutschlandfunk: Sebastian Castellio und sein Konflikt mit Johannes Calvin (09.04.2014)
  3. Castellio im WDR3: Der strenge Calvin gegen den toleranten Castellio (25.05.2014)
  4. Calvin und Castellio im Deutschlandfunk (02.06.2014): Gottesfurcht und Kirchenzucht Teil 1: Calvins erster Kontakt mit der Reformationsbewegung und die Plakataffäre in Paris
  5. Calvin und Castellio im Deutschlandfunk (03.06.2014): Gottesfurcht und Kirchenzucht Teil 2: Der Rat der Stadt vertreibt die Reformatoren aus Genf
  6. Calvin und Castellio im Deutschlandfunk (04.06.2014): Gottesfurcht und Kirchenzucht Teil 3: Johannes Calvins Rückkehr nach Genf und die Herrschaft der Sittenwächter
  7. Calvin und Castellio im Deutschlandfunk (05.06.2014): Gottesfurcht und Kirchenzucht Teil 4: Das Tanzen und Singen verboten, Castellios Wirken in Genf
  8. Calvin und Castellio im Deutschlandfunk (06.06.2014): Gottesfurcht und Kirchenzucht Teil 5: Wie Calvin Michel Servet auf den Scheiterhaufen schickte, Castellios als Gegner Calvins
  9. Diesseits von Eden: Christoph Fleischmann über die Castellio-Biographie von Mirjam van Veen (WDR 5, 25.10.2015)
  10. Außenseiter der Reformation: Sebastian Castellio von Christoph Fleischmann (Deutschlandradio Kultur 01.11.2015)
  11. „Lob des Zweifels“_Christoph Fleischmann über Sebastian Castellio und seine Stellung in der Reformation (hr2–Camino, 15.11.2015)
  12. Prof. Dr. Barbara Mahlmann-Bauer, Universität Bern, über Sebastian Castellios Toleranzkonzept – Entstehung, Wirkung, und Aktualität. In Collegium generale: Religionen: Toleranz und Intoleranz