Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten: DIE KUNST DES ZWEIFELNS UND GLAUBENS

»Wenn ich lehre, dass man manchmal zweifeln muss, so tue ich dies nicht ohne wichtigen Grund. Ich sehe nämlich, dass aus dem Nicht-Zweifeln dort, wo das Zweifeln angebracht wäre, ebenso viele Übel entstehen wie aus dem Unglauben dort, wo man glauben muss.«

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DIE KUNST DES ZWEIFELNS UND GLAUBENS
DES NICHTWISSENS UND WISSENS

De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi

Übersetzt von Werner Stingl und kommentiert von Hans-Joachim Pagel
Herausgegeben von Wolfgang F. Stammler

  • 402 Seiten mit 27 Abbildungen 
  • Leinenband mit Schutzumschlag und zwei Lesebändchen
  • EUR 38,00
  • ISBN 978-3-939973-65-2

»Ich habe dem Buch den Titel gegeben Die Kunst des Zweifelns und Glaubens,
des Nichtwissens und Wissens
, weil in ihm vor allem gelehrt wird,
woran man zweifeln und worauf man vertrauen soll, und was
man nicht zu wissen braucht und was man wissen muss.«

Dass schon der Titel der Schrift seinen Lesern auffallen und sie interessieren oder ärgern würde, war Castellio 1563 durchaus klar. Bewusst war ihm auch, wie revolutionär dieser Gedanke auf seine dogmatisch zerstrittenen Zeitgenossen wirken musste. Zugleich warnt er jedoch davor, die Fähigkeit des Zweifelns nicht als etwas Selbstverständliches zu begreifen:
»Oft verfehlen sich die Menschen, indem sie glauben, wo sie eigentlich zweifeln sollten, und indem sie zweifeln, wo sie glauben sollten. Und manche Dinge wissen sie nicht, die sie eigentlich wissen sollten, und andere Dinge behaupten sie zu wissen, die sie für ihr Seelenheil gar nicht zu wissen brauchen. So entstehen die fruchtlosen Streitigkeiten unter den Theologen, die den Laien überhaupt nichts nützen.«

Zweifeln — so Castellio — will also gelernt sein. Und so wie das Zweifeln gelernt werden muss, so auch das Glauben und Vertrauen wie auch das Nichtwissen und Wissen. In dieser Forderung begegnet der Leser einem Menschenbild, das heute auf eine neue Weise wieder aktuell erscheint. Indem er an den freien Willen eines jeden einzelnen Menschen und an die ihm innewohnende Kraft der Vernunft appelliert, seinen eigenen Weg zu suchen und zu gehen, erweist er sich als radikal moderner Denker.

Anlass für dieses Buch waren für Castellio die unsäglichen Wirren und Zerwürfnisse der Reformation, unter denen er auch persönlich zu leiden hatte. Der Streit ging im Wesentlichen um das »richtige« Verständnis der Bibel, die sich dem Leser vielerorts als dunkel und nicht selten auch als widersprüchlich präsentiert. Dies schuf Raum für viele einander ausschließende Deutungen, die zu dogmatischen Abgrenzungen und Verfestigungen führten.

In seinem Buch zeigt Castellio Wege auf, wie man sich aus den Fesseln solch dogmatischer Zwänge zu befreien lernt und damit die Kunst, um die es ihm wesentlich geht: das zu Bezweifelnde von dem zu Glaubenden und das Wissende von dem zu wissen nicht Notwendigen zu unterscheiden und am Ende zu der einem jeden Menschen innewohnenden Wahrheit zu gelangen.

Dieses Buch gilt als das heimliche Hauptwerk, die summa summarum von Castellios Denken und Schaffen. Er schrieb es 1563, in seinem letzten Lebensjahr. Das Manuskript blieb unvollendet und galt lange Zeit als verschollen. Aufgefunden wurde es im Archiv der Rotterdamer Remonstranten-Gemeinde, wohin es vermutlich Castellios Gesinnungsfreunde gebracht haben. 1981 vollständig ediert, wurde es für diese Ausgabe erstmals ins Deutsche übersetzt.