17. November, 2015

500 Jahre Sebastian Castellio – wir gratulieren

Von

500 Jahre Sebastian Castellio:
Jahrhundertelang geschmäht und verachtet — heute bewundert und geachtet

Plakat_Castellio_Bücherfries_30cm

Die Werke von und über Castellio in der Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten

Erst wurde er zu Lebzeiten von Calvin und seinen Anhängern zum Schweigen gebracht, danach über 400 Jahre lang von «rechtgläubigen» Christen als gefährlicher Wirrkopf geschmäht und totgeschwiegen. Als dann mit Stefan Zweig einer seiner wortgewaltigsten Anwälte in seinem Buch «Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt» die Stimme für ihn erhob, wurde auch dieser von den Nationalsozialisten mundtot gemacht und dessen Bücher verbrannt. Er selbst musste aus Deutschland fliehen. Danach dauerte es noch einmal 77 Jahre, bis Castellio — zumindest in Deutschland — endlich selbst zu Wort kommen durfte.

Rechtzeitig zu seinem 500. Geburtsjahr (Tag und Monat sind nicht bekannt) liegen nun endlich seine wichtigsten Toleranzschriften in der «Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten» vor — gefeiert von denen, die in ihm heute neben Erasmus von Rotterdam einen der bedeutendsten Humanisten seiner Zeit und als den wichtigsten Wegbereiter für die Freiheit des Glaubens und Gewissens sehen. So geschehen in der ersten Feier.

Die Rückkehr des «Verlorenen Sohnes»

Gefeiert von den Nachfolgern seiner ehemaligen Todfeinde in Genf als einer der bedeutendsten Humanisten seiner Zeit wurde er zunächst in Vandœuvres bei Genf (26.—31. Mai 2015), wo Castellio von 1542 bis 1545 in der dortigen Dorfkirche als Prediger wirkte, bevor er sich vollends mit Calvin überwarf. Mitorganisiert wurde dieses fünftägige Fest vom heutigen Nachfolger auf dem «Stuhl Calvins», Pfarrer Vincent Schmid, der Castellio heute für wichtiger hält denn je nach dem Motto: Wenn die Menschen uns heute wegen Calvin verlassen, bringt Castellio sie uns wieder zurück.

Castellio_Vandoeuvres-Kirche_10cmCastellio-Büste_1_5cm

Um dies zu unterstreichen, hatte man für Castellio sogar eigens eine Büste anfertigen lassen. Und: War es Zufall oder Absicht? Derselbe Künstler, François Bonnot, der auch eine Büste Calvins geschaffen hatte, hatte auch diese Büste gestaltet — die erste Büste Castellios weltweit. Damit hatte er gleichsam beide wieder durch seine Hand vereint, und das ausgerechnet in Genf.Plakat_Castellio_Bücherfries_30cm

Kaum zwei Wochen später (am 13. Juni) und rund 70 Kilometer westlich von Genf entfernt wurde ein weiteres Fest gefeiert:

Das Familienfest

In St. Martin du Fresne, einem 1027-Seelen-Dorf in der Landschaft Bugey im Departement Ain, inmitten eines langgestreckten fruchtbaren Tals, hatte sich die Dorfgemeinschaft zusammengetan, darunter die «Les Amis de la Tour», um ihrem nachmals berühmten Sohn (den diese schon 150 Jahre früher als einen solchen erkannt hatte) ein großes Fest auszurichten.

Castellio_St.Martin_3_10cm  Castellio_St.Martin_4_7cm
Castellio_Kinderzeichnungen_3

Mit Tänzen und Kostümen aus der damaligen Zeit, mit historischen Vorträgen im Rathaussaal, mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung zur Geschichte Castellios und der Reformation, mit Kindertexten zum Thema Toleranz und mit einem großen Bankett in einer alten Scheune. Zum Schluss war noch ein grandioses Spectacle Son et lumière angesagt über «Sébastien l’enfant de St. Martin»:

Castellio_St.Martin_7_10cmCastellio_St.Martin_5_10cm

Zusammen mit den Gästen aus Nah und Fern strömte das ganze Dorf auf den Dorfplatz, um das Leben Castellios in zeitgenössischen Kostümen nachzuerleben. Der erste Teil bis zur Pause war den ersten 19 Jahren des Bauernjungen Sébastien bis zu dessen Abreise nach Lyon gewidmet — in schaurig schönen Szenen aus dem Alltag auf dem Land. Der zweite Teil sollte seiner Zeit in Lyon, Straßburg, Genf und Basel gewidmet sein. Doch als würde Calvin noch einmal seine Blitze gegen Castellio schleudern, entlud sich von allen Seiten her mit Blitzen und Donnerschlägen und mit Sturmgewalt ein infernalisches Gewitter über dem Dorf, mit Regengüssen, die bis auf die gute Laune der Zuschauer alles wegspülten : die Kulissen auf dem Dorfplatz und die Menschen auf den Tribünen und in den Gassen, die Zuflucht unter den Ausstellungszelten fanden.Plakat_Castellio_Bücherfries_30cm

Genau drei Monate später (vom 13. bis 16. September) gab es wieder ein großes Fest, diesmal ganz anderer Art:

Das Gelehrtenfest

Diesmal waren es die akademischen Zunftkollegen Castellios, die auf Einladung der MonteVerita_5Castellio-Forscherin Barbara Mahlmann-Bauer (Universität Bern) zu einer internationalen Castellio-Tagung auf den Monte Verità in Ascona gekommen sind. In sage und schreibe 25 Vorträgen und anschließenden Diskussionen wurden die Zuhörer über das Wirken und die Bedeutung von Castellio und ein neues Verständnis seines Schaffens belehrt. Es waren intensive Tage mit anregenden Gesprächen, die deutlich machten, dass sich mit der Wiederentdeckung Castellios ein weites Feld für die künftige Forschung eröffnet.

Bei aller Bemühung um eine geistesgeschichtliche Verortung Castellios in seiner Zeit geriet jedoch leider nicht nur die Persönlichkeit Castellios und sein Kampf um eine Befreiung der Reformation aus ihren institutionellen und politischen Zwängen aus dem Blick, sondern auch die Frage, welche Bedeutung ihm heute zukommt. Ersteres vermittelt jedoch sehr eindrücklich und anschaulich die neue Castellio-Biographie von Mirjam van Veen, in der auch der einzige autobiographische, erstmals ins Deutsche übersetzte und sehr berührende Text von Castellio abgedruckt ist, «Die Verteidigung gegen den Autor des Buches mit dem Titel: Die Verleumdungen eines Wirrkopfs» (S.235—289). Welche Bedeutung Castellio heute zugemessen wird, wird in den immer zahlreicher werdenden Rezensionen und Medienbeiträgen über Castellio deutlich, die vor allem seine verblüffende Aktualität und Modernität betonen.

Deutlich wurde Letzteres vor allem beim letzten Fest zu Ehren Castellios am 25. Oktober in Zürich, bei dem sich für mich der Kreis der Feste auf die denkbar würdigste Weise schloss:Plakat_Castellio_Bücherfries_30cm

Das Kirchengemeindefest

Der Pfarrer an der ersten Reformationskirche in Zürich, St. Peter, Ueli Greminger, hatte zu einem Gedenkgottesdienst für Castellio geladen — und viele Menschen kamen. Hatte es die Tage zuvor noch geregnet, verwandelte der Himmel just diesen Sonntag in einen strahlenden Sonnentag. Die Bäume auf der Peterhofstatt erstrahlten in leuchtenden Farben und breiteten ihre Blätter zu einem goldenen Teppich vor der Kirchentür aus.

Castellio_St.Peter_10cmCastellio_St.Peter bei Nacht_neu_10cm

Kaum waren die Zeiger auf dem größten Ziffernblatt Europas auf 10 Uhr vorgerückt und die letzten Glockenschläge verhallt, begann ein Gottesdienst, in dem man mehr als in allen vorangegangenen Festen den Geist Castellios zu spüren glaubte. Erfüllt von nachdenklicher und dabei fröhlicher Frömmigkeit wurde eines Mannes gedacht, der sich selbst stets aus reinstem Herzen als ein Christusjünger verstand, als einer, für den der Glaube unabdingbar mit der Freiheit eines Christenmenschen verbunden ist, zu der ihn Christus befreit hat (Gal. 5,1). Zu diesem Glauben in Freiheit gehörte für ihn notwendig der Zweifel als ein Instrument, mit dem man das Wahre vom Falschen, das Gute von dem Bösen unterscheiden kann. Er setzte seine ganze Hoffnung auf eine Reformation im Sinne einer Wiederherstellung der reinen Lehre, wie sie das Evangelium und die Apostel gelehrt haben, jenseits von Gewalt und spitzfindischer Selbstgerechtigkeit. Was er aber unter Calvin erlebt hatte, entwickelte sich zu einer «Tyrannei der Tugend» (Volker Reinhardt), zu einem Gottesstaat, in dem Barmherzigkeit gegenüber Andersdenkenden als eine teuflische und keineswegs christliche Tugend und «Milde als äußerste Grausamkeit» (Théodore de Bèze) galt.

An diesem lichterfüllten Sonntag also gedachte man endlich Castellios als dem im eigentlichen Sinne Evangelischen, für den es wichtiger war, das Evangelium zu leben als es mit Spitzfindigkeiten in seine Einzelteile zu zerlegen.

Endlich kam Castellio selbst zu Wort, mit Texten, die Ueli Greminger aus den Schriften Castellios frei gestaltet hat, beginnend mit Maja Ingold, Schweizer Nationalrätin, die im Anschluss an diese Texte einige höchst lesenswerte Gedanken zu Castellio aus politischer Sicht vortrug.

«Was ein Ketzer ist»
gelesen von der Schweizer Nationalrätin Maja Ingold:

«Einen Ketzer kann es gar nicht geben. Denn ein Ketzer ist jeder, der anders denkt, als wir denken. Es ist der Glaubenseifer selbst, der den Ketzer erzeugt. Aus lauter Eifer für Christus werden die Menschen blutdurstig. Sie verfolgen die Andersglaubenden vermeintlich dem zuliebe, der sein eigenes Blut vergossen hat, damit nicht das Blut anderer vergossen werde. Was für eine Perversion!
Die Medizin gegen den Glaubenseifer und das Verketzern derjenigen, die anderer Meinung sind, ist die Wahrheit. Je besser ein Mensch die Wahrheit erkennt, desto weniger neigt er dazu, den anderen zu verurteilen. Der Maßstab für die Wahrheit ist die Nachfolge Christi. Sie ist das Herz der christlichen Religion: Jesus nachahmen, sich so verhalten, wie er sich verhalten hat. Die Wahrheit leben und sie so sagen, wie man sie denkt, kann niemals ein Verbrechen sein.»

«Über das Gleichnis vom Unkraut»
gelesen vom Kirchenratspräsident des Kantons Zürich,
Pfarrer Michel Müller:

«Jesus ist der Retter, der gekommen ist zu retten, nicht zu verderben. Seine Lehre ist, Kranke mit Weisheit zu heilen, nicht andere zu töten. Sein Weg ist, das Kreuz zu tragen, nicht andere zu kreuzigen. Vernunft und die rechte Weise, seinen Willen zu tun, bedeutet, wie das Gleichnis sagt, das Kraut und das Unkraut bis zur Ernte stehen zu lassen, nicht herauszureißen. Der Ruhm seines Namens ist, sich seine Milde und seine Gebote zu eigen zu machen. Die Lehre der Frömmigkeit heißt, die Feinde zu lieben, Gutes zu tun denen, die uns Übles tun, zu hungern und zu dürsten nach der Gerechtigkeit.»

«Was ist Glaube«
gelesen von Pfarrer Ueli Greminger:

«Was meinen eignen Glauben betrifft, so glaube ich an den einen Gott, den allmächtigen Vater und an Jesus Christus und an den heiligen Geist.
In diesem Glauben stehe ich und bleibe ich, so Gott will, bis zu meinem Ende. Und ich bin davon überzeugt, dass diejenigen, die wahrhaft an diesem einfachen und von den Aposteln selbst uns überlieferten Glauben festhalten, auf dem Weg des Heils sind — auch wenn sie jene unerklärbaren Spitzfindigkeiten, die nach dem Zeitalter der apostolischen Einfachheit aus allzu großer Wissbegier in der Kirche eingeführt wurden, weder bekennen noch glauben.
Wenn es jedoch Leute gibt, die so scharfsinnig sind, dass sie all das begreifen, was ich und meinesgleichen nicht begreifen — nun gut, ich beneide sie nicht darum. Aber solche Spitzfindigkeit von allen zu verlangen, das hieße, so jedenfalls scheint es mir, den Weg zum Heil dem größten Teil der Menschheit zu verschließen.»

In seiner Predigt über das Gleichnis des verlorenen Sohnes (Lukas 15,24—30) übte Ueli Greminger mit einem Zitat von Jean-Jacques Rousseau («Die heutigen Reformierten kennen und lieben ihre Religion nicht») deutliche Kritik an an dem reformierten Religionsverständnis und mahnte eine dringende Rückbesinnung auf Castellio an. Am Ende des Gedenkgottesdienstes für Castelllio, der wohl noch lange in Zürich und darüber hinaus nachhallen wird, konnte man fast den Eindruck gewinnen, als sei man sich darin einig, mit Castellio noch einmal eine Renaissance der unvollendet gebliebenen Reformation wagen zu wollen.
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Abschließend sei noch erwähnt, dass es auch in Konstanz (19. Mai: Vortrag in der VHS von Wolfgang Stammler), in Stuttgart (11. und 28. Oktober: Abendgottesdienst und Vortrag von Prof. Tilmann Schroeder) und in Worms (31. Oktober: Vortrag von Dr. Andreas Rössler) noch weitere Veranstaltungen gab.
Und zu guter Letzt sei an dieser Stelle auch noch unserem Übersetzer der Castellio-Biographie von Prof. Mirjam van Veen, Amsterdam, gratuliert: Andreas Ecke, der im April nächsten Jahres den mit EUR 15.000 dotierten Europäischen Übersetzerpreis für seine großartigen übersetzerischen Leistungen aus dem Niederländischen erhalten wird.