5. Juni, 2014

Gesühntes Unrecht – der (wieder)entdeckte Castellio

Von
Stefan Zweig

Stefan Zweig

»Manchen ist es verhängt, im Schatten zu leben, im Dunkel zu sterben – Nachfahren haben Sebastian Castellios Ruhm geerntet, und noch heute ist in jedem Schulbuch der Irrtum zu lesen, Hume und Locke seien die ersten gewesen, welche die Idee der Toleranz in Europa verkündet, als wäre Castellios Ketzerschrift nie geschrieben und nie gedruckt worden. Vergessen ist seine moralische Großtat, der Kampf um Servet, vergessen der Krieg gegen Calvin, vergessen seine Werke – ein unzulängliches Bild in der holländischen Gesamtausgabe, ein paar Manuskripte in Schweizer und holländischen Bibliotheken, ein paar dankbare Worte seiner Schüler, das ist alles, was von einem Manne geblieben ist, den seine Zeitgenossen einhellig nicht nur als einen der gelehrtesten, sondern auch der edelsten Männer seines Jahrhunderts gerühmt. – Welch eine Dankesschuld ist an diesem Vergessenen noch zu begleichen! Welch ein ungeheures Unrecht hier noch zu sühnen!«

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Heute, knapp 80 Jahre nachdem Stefan Zweig diese Zeilen geschrieben hatte, scheint es, als sei die Zeit gekommen, da man sich nicht nur in unserer Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten, sondern auch in den Medien seiner erinnert. Innerhalb weniger Monate erschienen zahlreiche Artikel in der Presse, zumeist als Rezensionen seines MANIFEST DER TOLERANZ, darunter in der FAZ, der Neuen Zürcher Zeitung, der Christ & Welt, der Basler Zeitung, in Damals und Spektrum der Wissenschaft und im dem wissenschaftlichen Rezensionsdienst IFB, in denen Castellio ausführlich gewürdigt und das Buch nicht selten »wärmstens« empfohlen wird.

Auffallend sind daneben auch die vielen Beiträge im Hörfunk — im WDR und Deutschlandfunk —, die mit insgesamt 8 Sendungen Castellio und Calvin einem breiten Publikum in Erinnerung rufen. 

Über die Bedeutung Castellios herrscht inzwischen überwiegend Übereinstimmung, und sofern es noch unterschiedliche Bewertungen gibt, wird über diese voraussichtlich im kommenden Jahr, dem Jahr 2015, gestritten werden. In diesem Jahr (ein genaueres Geburtsdatum ist nicht bekannt) jährt sich Sebastian Castellios Geburtstag zum 500. Mal. An vielen Orten — vom hohen Norden Deutschlands bis in die Schweiz und Frankreich, dort in dem savoyischen Dorf Saint-Martin-du-Fresne, wo Castellio geboren wurde — wird dann in zahlreichen Veranstaltungen unterschiedlichster Art seiner gedacht werden. Und desgleichen auch in den Medien.

Auch der Alcorde Verlag wird seinen Teil dazu beitragen und in der Bibliothek historischer Denkwürdigkeiten mit weiteren Übersetzungen von Castellios Werken aufwarten: Mit seinem Contra libellum Calvini unter dem Titel GEGEN CALVIN und seinem erst im 20. Jahrhundert entdeckten heimlichen Hauptwerk De arte dubitandi et confidendi, ignorandi et sciendi unter dem Titel DIE KUNST DES ZWEIFELNS UND GLAUBENS, DES NICHTWISSENS UND WISSENS. Über diese Bücher und deren Erscheinen werden wir Sie jeweils ausführlich informieren.