26. Januar, 2014

Das Manifest der Toleranz

Von

»Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.« (Sebastian Castellio, 1554)

Vor 460 Jahren schrieb der Basler Humanist Sebastian Castellio diesen Satz an Johannes Das Manifest der Toleranz von Sebastian CastellioCalvin. Dieser hatte 1553 in Genf erstmals einen sogenannten Ketzer auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrennen lassen.

War Castellio in den Jahren zu Beginn der Reformation in Genf noch ein Anhänger Calvins, so hatte er sich schon bald aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten von ihm getrennt und sich in das liberalere Basel zurückgezogen. Calvins Unduldsamkeit gegenüber Andersdenkenden, seine »Tyrannei der Tugend« (Volker Reinhardt), und sein Fanatismus, mit dem er seine Lehre gegen Andersdenkende verteidigte, waren Haltungen, die Castellios Wesen und christlichem Denken zutiefst widersprachen.

Miguel Servet (1511-1553)

Miguel Servet (1511-1553)

Als dann in Genf der spanische Arzt und Gelehrte Miguel Servet zum Tod durch Verbrennen verurteilt wurde, nur weil er in Fragen der Dreieinigkeit und Taufe anders dachte als Calvin, war dies für Castellio der Moment, seine Stimme gegen diese mörderische Selbstgerechtigkeit zu erheben. Denn was ist denn ein Ketzer? »Trotz vieler Nachforschungen darüber, was ein Ketzer sei, konnte ich nichts anderes feststellen, als dass jeder für einen Ketzer gilt, der anders denkt als wir«, schrieb er in seiner Schrift De haereticis an sint persequendi (Von Ketzern und ob man sie verfolgen soll), mit der er einen bis dahin beispiellosen Kampf gegen die Verfolgung Andersdenkender entfachte.

Umschlag der Erstausgabe 1936

Umschlag der Erstausgabe 1936

Es war ein Kampf der »Mücke gegen den Elefanten«, als den ihn Castellio selbst bezeichnete. »Ein Niemand, ein Nichts im Sinne öffentlichen Einflusses«, schreibt Stefan Zweig in seiner Einführung zu seinem Buch Castellio gegen Calvin, »und obendrein noch ein Habenichts, ein bettelarmer Gelehrter, der mit Übersetzungen und Hauslehrerstunden Weib und Kinder mühsam ernährt: wie immer in den Zeiten des Weltfanatismus steht der Humane machtlos und völlig allein zwischen den streitenden Zeloten. Jahrelang lebt im Schatten der Verfolgung, im Schatten der Armut dieser große und bescheidene Humanist ein kärglichstes Dasein dahin, ewig beengt, aber ewig auch frei, weil keiner Partei verbunden und keinem Fanatismus verschworen. Erst als er durch den Mord an Servet sein Gewissen mächtig angerufen fühlt und er aufsteht von seinem friedlichen Werke, um Calvin im Namen der geschändeten Menschenrechte anzuklagen, erst dann wächst diese Einsamkeit ins Heldische. Denn wie gefährlich, wie lebensgefährlich, sich öffentlich an die Seite eines Mannes zu stellen, der unerschrocken, während in allen Ländern die Ketzer vom Wahne der Zeit gleich Treibvieh gejagt und gefoltert werden, für diese Entrechteten und Geknechteten das Wort erhebt und über den Einzelfall hinaus allen Machthabern der Erde ein für allemal das Recht bestreitet, irgendeinen Menschen ebendieser Erde um seiner Weltanschauung willen zu verfolgen! Der es wagt, … alle diese frommen Schlächtereien, obwohl angeblich zu Gottes Ehre vollzogen, mit ihrem wahren Namen: Mord, Mord und abermals Mord zu nennen!«

Darf man Menschen verfolgen und töten, nur weil sie anders denken? Darf man diejenigen, die im Namen der Menschlichkeit Unrecht anprangern, an Leib und Leben bestrafen? Immer — und gerade auch in unserer Zeit — gibt es Menschen, die aus Gewissensgründen ihre Stimme gegen die Mächtigen erheben und dafür verfolgt werden. Castellios Kampf gegen den übermächtigen Genfer Reformator steht für die vielen, die machtlos gegen die Mächtigen kämpften und später als Vorbilder für die Menschlichkeit in die Geschichte eingingen.

Castellios Forderung nach Gewissens- und Glaubensfreiheit hatte maßgeblichen Einfluss auf die Deklaration der Menschenrechte. Den Wenigsten ist sein Name bekannt, noch weniger aber sein Werk, das nun mit seinem wirkmächtigen »Manifest der Toleranz« erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt wird.