24. Januar, 2012

Der Prinz, den Friedrich liebte

Von

„Der Selbstlose zieht Ehre und Ruf den Vorteilen des Reichtums vor, Billigkeit und Gerechtigkeit den Trieben zügelloser Begehrlichkeit, die Wohlfahrt von Staat und Gesellschaft dem Eigennutz und dem Vorteil der Familie …“

(Friedrich der Große in seiner Eloge auf den Prinzen Heinrich)

 

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Guttenberg und Wulff − sie verkörpern ein Thema, das seit Jahren wie ein anschwellender Bocksgesang die öffentliche Diskussion über ein neues Wertebewusstsein der politischen Führung im Umgang mit der Macht beherrscht.

Dass diese Frage nicht neu ist und im Verlauf der Geschichte immer wieder angemahnt werden musste, zeigt der eingangs zitierte Satz, gesprochen vor 245 Jahren in just derselben Stadt, in der erstmals ein Bundespräsident wegen staatsanwaltlicher Ermittlungen von seinem Amt zurücktreten musste.

Wie in kaum einer anderen Schrift hat Friedrich der Große in seiner Éloge auf seinen Neffen Heinrich – anders und mehr noch als in seinem »Antimachiavell« – seine Maximen formuliert, woran man die Tugenden eines wahrhaft guten und gerechten Herrschers misst und erkennt. Anlass dazu war der frühe Tod dieses Prinzen, die Hoffnung des Hauses Brandenburg, als die Heinrich ihm galt, den Friedrich wie keinen in seiner Familie geliebt hatte und in dem er all diese Tugenden verkörpert sah.

„Ich liebte dieses Kind wie meinen eigenen Sohn“, schrieb Friedrich der Große am 27. Mai 1767, einen Tag nach dem Tod seines Neffen, unter Tränen an seinen Bruder Heinrich. „Für den Staat ist es ein großer Verlust; meine Hoffnungen sinken mit ihm ins Grab.“ Und an seine Schwester Ulrike, die Königin von Schweden, schrieb er am 10. Juni: “Wenn die Natur sich je in der Erschaffung eines vollkommenen Wesens gefallen hat, so war es dieses liebenswerte Kind, das ich ewig betrauern werde.”

Dieser Prinz, der zweite Sohn seines Bruders August Wilhelm, war mit neunzehn Jahren an einer Pockeninfektion gestorben. In seinem Schmerz widmete ihm Friedrich die „Éloge du Prince Henri de Prusse“, eine seiner menschlich anrührendsten literarischen Arbeiten: „Mein Prinz! Du wußtest, wie teuer Du mir warst, wie wert ich Dich hielt! [...] Ewig wirst Du in meinem Herzen leben. Dein Name wird sich in alle meine Gespräche mischen, und Dein Andenken wird erst mit dem letzten Atemzuge in mir erlöschen.“

Wer war dieser Prinz Heinrich? In der Geschichtsschreibung wird er kaum erwähnt. Und doch war er der Mensch, um den der König bei seinem Tod erstmals Tränen vergoss: Prinz Heinrich von Preußen, Friedrichs Neffe und jüngerer Bruder des Thronfolgers und späteren Königs Friedrich Wilhelm II. In ihm sah Friedrich alle edlen Tugenden eines Menschen vereint, für ihn verkörperte er die heimliche Hoffnung Preußens. 

 Am 9. Juni 1767, zwei Tage vor der Beisetzung des Prinzen Heinrich im Berliner Dom, schrieb Friedrich noch einmal an seinen Bruder Bruder: “In ihm sah ich einen Prinzen, der den Ruhm des Hauses hochhalten würde. Ich wollte ihn im nächsten Jahre verheiraten und rechnete darauf, daß er zur Sicherung der Erbfolge beitragen würde. Wenn ich überdies bedenke, daß dieser Jüngling das beste Herz von der Welt hatte, daß Wohltun ihm angeboren war, daß er mich liebte, dann lieber Bruder, stürzen mir die Tränen wider Willen aus den Augen und ich muß den Verlust des Staates und meinen eigenen betrauern. Ich selbst habe keine Kinder gehabt, aber ich glaube, ein Vater kann seinen einzigen Sohn nicht mehr beweinen als ich diesen liebenswerten Jüngling.”

Michael Sachs zeichnet ein sehr berührendes Porträt dieses früh vollendeten Menschen in Form von Zeitzeugenberichten, die ein genaues Bild dieses Menschen und der besonderen Beziehung Friedrich des Großen zu ihm wiedergeben.